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Die verkannte Weihnachtskatastrophe

Nach New York zu fahren und zu erleben, dass der Marathon, für den man hart trainiert und gespart hat, wegen eines Wirbelsturmes ausfällt, ist ausgesprochen ärgerlich. Für die potentiellen Teilnehmer muss das ein ähnliches Gefühl gewesen sein, wie seinerzeit für die potentiellen Olympioniken im Jahre 1980. Die hatten trainiert, ihr Leben umgestellt und dann marschiert die damalige Sowjetunion in Afghanistan ein. Die Konsequenz: Die westliche Welt boykottiert die Olympischen Spiele in Moskau. Ein hartes Los für alle betroffenen Sportler.

Aber diesen Weihnachten schlug das Schicksal noch härter zu, so könnte man jedenfalls meinen, wenn man dieser Tage die Zeitungen aufschlägt. Dort stehen sie geschrieben, die Berichte von der wahren Katastrophe:

Auf der Weihnachtskreuzfahrt der „Queen Mary 2“ hat der Durchfallvirus zugeschlagen und auf dem Vergnügungsschiff „Emerald Princess“ auch.

Herrje, wie schlimm ist das denn?

Da spart man monatelang, um wirklich einmal im Leben in der Weihnachtszeit so richtig schön zu essen und dann so etwas:

Das Noro-Virus grassiert. Insgesamt 400 Passagiere leiden an Brech-Durchfall.

www.der-andere-hausarzt.de wollte Genaueres wissen und hat sofort Kontakt zu einem der übergewichtigen Passagiere aufgenommen. Das ganze Leid von Herrn X. aus U. zeigt sich schon im ersten Satz:

„Nicht genug damit, dass man auf der Toilette nicht weiß, was man zuerst und zuletzt tun soll, nein, man hat ja auch keinen Appetit.“

www.der-andere-hausarzt.de hakt nach.

„Und was war das Schlimmste für Sie?“

„Das man es immer wieder versucht. Oben in den Sälen stehen die herrlichsten Buffets, die man sich vorstellen kann. Man rennt rauf, sieht die Herrlichkeiten da stehen, freut sich kurz, dann setzt der Würgereiz ein und muss sofort wieder treppab. Du kannst dich ja nicht einfach über die Reling hängen, weil du nicht weiß, was hinten passiert. Die Fahrstühle sind natürlich alle blockiert. Also schnell zu Fuß. Versuchen Sie mal die Treppen hinabzuspringen mit einer Hand vor dem Mund und mit zusammengekniffenen Hinternbacken.“

www.der-andere-hausarzt.de: Sie sind jetzt seit zwei Tagen zurück und wieder gesund. Wie sieht die Welt jetzt für Sie aus?

„Ich stehe vor den Trümmern des Jahres 2012. Stellen Sie sich mal vor, ich buche die Kreuzfahrt, um wirklich einmal die Beine hochzulegen und nichts zu tun. Ich wollte mich nur bewegen, um das Buffet zu umrunden. Und was passiert? Ich renne auf dem Kahn hin und her, verbringe die meiste Zeit auf der Toilette und nehme auf einer Kreuzfahrt, auf einer Weihnachtskreuzfahrt, sechs Kilo ab. Das ist doch Wahnsinn oder?“

Herr X aus U schüttelt verzweifelt den Kopf, Tränen laufen ihm über das Doppelkinn.

Aber er ist noch nicht fertig. Er redet sich jetzt in Rage und www.der-andere-hausarzt.de ist froh, dass das Diktiergerät läuft, um keine der wertvollen Aussagen zu verpassen.

„Wissen Sie, was mich besonders ärgert an diesem Desaster? Jedes Jahr um diese Zeit wieder und wieder diese Geschichte vom ärmlichen Kind in der Krippe. Rauf und runter muss man sich das anhören, dass es kein Bett gibt, da unten in Bethlehem, außerdem nichts zu essen, keine anständige Kleidung und dieser ganze Mist. Aber wir Diarrhoeiker auf den Schiffen, wir haben richtig Kohle ausgegeben für Kabinen mit Kingsize-Betten, Essen und Trinken all-inklusive. Außerdem habe ich mir extra Shorts für die Karibik in Übergröße schneidern lassen, und dann wird man so krank. Das Geld ist futsch und kein Mensch interessiert sich dafür. Das ist bitter, ganz bitter. Schreiben Sie das ruhig.“

Solche Schicksale gibt es in diesen Tagen nun viele hundert Mal und in den Tageszeitungen stehen nicht mehr als ein paar dürre Zeilen auf der zweiten oder dritten Seite. Es ist, als wollte man diese Leute verspotten. Nicht zu fassen. Gut, dass es Blogger gibt.

 

Hier noch ein Fachbuchtipp zum Thema:

Lesen Sie das Kreuzfahrt-Tagebuch vom begnadeten US-Schriftsteller David Foster Wallace:

„Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“.