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Schavans “respektvoller” Rücktritt

Ungefähr 25.000 Doktortitel werden pro Jahr in Deutschland verliehen. Allein die Masse zeigt, dass das Verfahren wenig mit echter wissenschaftlicher Arbeit und der Ermittlung von neuen Erkenntnissen zu tun haben kann. Dies gilt besonders für die Titelvergabe bei den Medizinern, aber offenbar auch in vielen anderen Fakultäten. Unsere Politiker sind lediglich die, die erwischt werden, weil sie im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Was ihr betrügerisches Verhalten nicht schmälert.

Das Thema Titel oder kein Titel finde ich persönlich relativ unwichtig. Der Kampf um Titel hat mich zu keiner Zeit interessiert. Was ich wirklich ärgerlich finde, sind Aussagen wie die von Frau Schavan zum Fall Guttenberg:

„Ich schäme mich nicht nur heimlich“

So lautete ihr Statement zum Betrug des Doppel-Titelträgers (Adel und Doktor). Wenn ihre Dissertation so offensichtlich Betrug war, dass die Uni Düsseldorf sich gezwungen sah zu handeln, wird Frau Schavan auch wissen, was sie damals getan hat. Sich im Wissen um das eigene Fehlverhalten ohne Not so weit aus dem Fenster zu lehnen, ist meines Erachtens das eigentliche Problem. Gut, dass sie angesichts dieser Turnübung Übergewicht bekommen hat und auf dem Pflaster gelandet ist.

Auf ähnlich hohem Ross saß ja unser kurzfristiger Bundespräsident, der ungefragt überall Duftmarken seines hohen moralischen Anspruch hinterließ. Das ist ein ausgesprochen ärgerliches Verhalten unser gewählten Volksvertreter und wir können alle zusammen nur ahnen, was wir nicht wissen.

Braucht ein Arzt einen Doktortitel?

Doktortitel stehen zur Zeit in der Diskussion. Öffentliche Personen wie zu Guttenberg, Koch-Mehrin und andere plagen sich mit Plagiatsvorwürfen. Ihre Titel haben sie sämtlich in einer anderen Wissenschaft erworben als der medizinischen. Wenn in der Medizin um den Doktortitel diskutiert wird, geht es weniger um Plagiatsvorwürfe. Hier entfacht sich der Streit viel mehr an Sinn, Zweck und Wesen der Promotion. Plagiatsvorwürfe sind in der Medizin allein deswegen nebensächlich, weil der Erwerb eines Doktortitels in der Medizin vergleichsweise leicht ist, so dass sich das Abschreiben kaum lohnt.
Wahre Wissenschaft?
Während in anderen Wissenschaften die Promotion häufig an eine mehrjährige berufliche Tätigkeit gekoppelt ist, erwirbt ein Gutteil der Mediziner den Doktortitel bereits während des Studiums – ganz nebenbei oder bereitet den Erwerb doch soweit vor, dass die Doktorarbeit kurz nach Ende des Studiums fertig gestellt werden kann. Unvorstellbar in anderen Fakultäten. Physiker, Betriebswirte oder Biologen schmunzeln (oder grollen) über den Doktortitel mit minderem Aufwand in der Medizin.
Überkommene Kombination
Früher gehörten das Arztsein und der Doktortitel zusammen. Der Arzt war Doktor und der Doktor eben Arzt. Andere Doktortitel interessierten den normalen Bürger wenig. Erst seit dem immer mehr Ärzte auf die Promotion verzichten, fällt auf, dass Ärzte nicht zwangsläufig Doktoren sind. Andererseits kann offenbar ein Mensch durchaus Arzt sein, obwohl er kein Doktor ist. Erkenntnisse, die der Bürger erst in den letzten Jahrzehnten gewonnen hat.
Ich selbst habe keine Promotionsarbeit geschrieben und kann mich noch gut an die ersten Jahre der Verwirrung bei meinen Patienten erinnern. Die Irritation ging soweit, dass manche meiner Patienten zwar annahmen, ich sei noch gar kein Arzt, aber sicher waren, ich würde diesen Mangel zu gegebener Zeit beheben. So lange wollten sie trotzdem meine Patienten bleiben, da ich sonst ja ein netter Mensch sei und in ihren Augen auch ein guter Arzt, nur eben noch nicht fertig.
Diese Zeiten sind vorbei. Verwirrung über den Arzt ohne Titel ist selten geworden.
Hintergrund
Die Promotion, also der Erwerb eines Doktortitels, soll nachweisen, dass ein Wissenschaftler in der Lage ist, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten und neue Erkenntnisse auf seinem Gebiet zu schaffen. Beides trifft auf den promovierenden Mediziner eher in Ausnahmefällen zu. Allein die Tatsache, dass die meisten Promotionsarbeiten während des Studiums fertiggestellt werden, also in der Zeit, in der die Mediziner noch naturwissenschaftliche Azubis sind, spricht schon dagegen, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits in der Lage sein könnten, sozusagen den Meisterbrief der Wissenschaft zu erlangen.
Die Doktorarbeit in der Medizin hat nur ein Ziel – den Titel – um ihn tragen zu können. Über welches Thema man schreibt oder geschrieben hat ist den meisten Ärzten vollkommen einerlei und tieferes Verständnis vom Thema ist ebenfalls nicht vorhanden. (Es gibt sicher Ausnahmen. Ich will niemandem zu nahe treten). Ehrlich gesagt, ist es in den allermeisten Fällen eines „normalen“ Krankenhausarztes oder Praxisarztes auch gar nicht nötig, dass ein Arzt die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten besitzt. Die weitaus meisten Mediziner arbeiten in ihrem Leben genau ein einziges Mal halbwegs wissenschaftlich und zwar zur Erlangung des Doktortitels, danach nie wieder.
Trotzdem kann ich verstehen, wenn junge Mediziner bis heute die Möglichkeit zum Erwerb eines Doktortitels ergreifen. Immerhin schmückt so ein Titel, schafft Respekt und Anerkennung, zumal wenn man als Arzt auf irgendeine Weise in der Öffentlichkeit zu tun hat, sei es in der freien Wirtschaft, in der Weiterbildung oder in den Medien. Weiterlesen