Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (9)

Wie sieht die BWA eines Traumes aus?

Die Patientenzahl der neuen Gemeinschaftspraxis in Dorf A steigt ständig, deswegen wird in der folgenden betriebswirtschaftlichen Analyse ein Jahresdurchschnitt von 3.800 Krankenscheinen/Quartal angenommen.

Die Patienten werden von drei Volltagsärzten und drei Halbtagsärzten betreut. Rein rechnerisch sind das 4.5 Ärzte, wobei zwei Halbtagsärzte meist außerhalb der Praxis arbeiten (Hausbesuche, Visiten in Einrichtungen). Alle sechs Ärzte teilen sich die Notdienste.

Der neue Praxisalltag

  • Die Praxis ist bestens organisiert (schließlich geht es um einen Traum). Dies kommt Patienten und Ärzten, sowie allen Angestellten zu Gute.
  • Die Patienten können dank einer guten Ärzteversorgung wesentlich  besser versorgt werden als vorher.
  • Chronisch Kranke werden regelmäßig untersucht (vier Jahre hintereinander nur Wiederholungsrezepte u. ä. kommt nicht mehr vor).
  • Hausbesuchspatienten werden bezgl. der Versorgung dem Standard in der Praxis angeglichen (Vorsorge, DMP, HZV)
  • Durch DMP- und HZV-Management (s. Vorartikel) werden zusätzliche Budgets genutzt.
  • Die Praxis läuft volltags als Terminsprechstunde mit Raum für Notfälle, darüber hinaus wird eine reguläre Samstagssprechstunde eingeführt, die wechselweise mit einem Arzt besetzt ist. Der Arzt, der samstags arbeitet, bekommt in der darauffolgenden Woche die doppelte Stundenzahl frei.
  • Jeder Arzt erhält 7 Wochen Urlaub im Jahr. Teilhaber, die mehr als fünf Jahre in der Praxis mitarbeiten, erhalten 8 Wochen Jahresurlaub.
  • Der Gewinn wird zur Analyse des Einkommens durch die entsprechenden Anteile geteilt, das heißt ein Volltagsarzt bekommt ein 2/9, ein Halbtagsarzt 1/9 des Gewinnes vor Steuern. Diese Rechnung erleichtert die Bestimmung eines fairen Halbtagsgehalts, bzw. die Errechnung von Erfolgszulagen für angestellte Ärzte. (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (8)

Reden wir über Geld (3)

Die Situation in den Dörfern A-D ist jetzt hinreichend bekannt. In dem heutigen Artikel soll mal für einen Moment so getan werden, als würden sich junge Ärzte darum reißen, aufs Land zu gehen, um dort Patienten zu versorgen.

Der Traum stellt sich wie folgt dar:

Drei fertig ausgebildete Jungärzte im Alter zwischen 32 und 36 Jahren ziehen ins Dorf A und betreiben gemeinsam eine Landarztpraxis. Außerdem kennen sie zwei junge Kolleginnen, die ebenfalls Fachärzte für Allgemeinmedizin sind. Die beiden Frauen haben Kinder und wollen deswegen halbtags arbeiten. Mit Selbstständigkeit und dem Drum und Dran wollen sie nichts zu tun haben. Diese beiden Ärztekolleginnen werden von den drei Praxiseigentümern angestellt.

Alle zusammen übernehmen die Versorgung der Dörfer A-D mit Praxissitz in Dorf A.

Zur Erinnerung: Zuletzt wurden in Dorf A und C noch 3.300 Patienten versorgt. Für den Arzt in Dorf A wurde ein Umsatz pro Krankenschein von etwa 35 Euro pro Patient pro Quartal errechnet (340.000 Jahresumsatz durch 2.400 Patienten durch 4 Quartale). Der Scheinschnitt des Arztes in Dorf C war durch weniger Patienten (keine Abstaffelung) sicher etwas besser.

Die drei Ärzte und zwei Halbtagsärztinnen arbeiten in der vorhandenen Praxis in Dorf A. Durch Einführung einer geschichteten Sprechstunde und Anbindung eines Stallgebäudes an die bestehende Praxis stehen problemlos ausreichend Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Kosten dafür belaufen sich auf 150.000 Euro. Die bestehende Altpraxis wird gekauft. Dafür sind  weitere 150.000 Euro fällig. Darüber hinaus einigen sich beide Parteien (unter Hinzunahme des Arztes in Dorf C) auf Kosten für die bestehenden Patientenkarteien und Praxiseinrichtungen von insgesamt 75.000 Euro.

Dazu kommen noch die Kosten einer zunächst zurückhaltenden Renovierung der Altpraxis und die Aufrüstung der Gesamtpraxis mit einer Computer-Anlage. Weitere 75.000 Euro sind fällig. (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (7)

Reden wir über Geld (2)

Der Hausarzt in Dorf A bekommt in etwa folgende Quartals-Abrechnung von der Kassenärztlichen Vereinigung:

Für seine 2400 Patienten im Quartal erhält er ein Budget – das so genannte Regelleistungsvolumen (RLV). Erhöht wird dieses RLV um das QZV. Glauben Sie mir, Sie wollen nicht wissen, was sich hinter diesen Buchstaben verbirgt, nur so viel: Zum QZV gehören diagnostische und therapeutische Leistungen, die gesondert, aber auch gedeckelt (das heißt nicht unbegrenzt), abgerechnet werden dürfen, Ultraschall, Belastungs-EKG, psychotherapeutische Gespräche u.a.m..

Um es nicht zu kompliziert zu machen (die Angelegenheit ist in Wirklichkeit noch viel komplizierter), nehmen wir einen realistischen Wert von 38 Euro für dieses RLV/QZV pro Patient und pro Quartal an. Das wären also die Haushaltsmittel, die dem Hausarzt zur ärztlichen Grundversorgung seiner Patienten zur Verfügung stehen. Der Hausarzt in Dorf A muss diesen Geldtopf mit Leistung füllen, was ihm im Bereich der Grundversorgung des RLV nicht schwer fallen dürfte.

Der Umsatz (kassenärztliches Honorar) aus dieser Pauschale würde sich demnach im Falle des Hausarztes aus Dorf A wie folgt errechnen:

2400 x 38 = 91.200 Euro

Sie erkennen schon am Konjunktiv, dass die Praxis anders aussieht. Denn!!! Lassen Sie sich das folgende auf der Zunge zergehen:

Laut Reglement soll der einzelne Hausarzt nicht übermäßig viele Patienten pro Quartal behandeln! Deswegen wird seine Überlastung abrechnungstechnisch bestraft! Die Leistungen werden abgestaffelt: In diesem Fall werden (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (6)

Reden wir über Geld (1)

In meiner kleinen Beispiel-Region um die Dörfer A-D werden zuletzt, Stand 2011, noch 3.300 Patienten pro Quartal von zwei Hausärzten versorgt. Es waren einmal fünf Hausärzte und 6.000 Patienten/Quartal.

Der verbliebene Hausarzt in Dorf A versorgt 2.400, der Hausarzt in Dorf C noch 900 Patienten/Quartal.

900 Patienten pro Quartal zu betreuen bedeutet zwar viel Arbeit, wenn man ein gewissenhafter Arzt sein will, ist aber normalerweise zu bewältigen. Allerdings ist der Hausarzt in Dorf C nicht mehr gesund und hat die 65 schon überschritten. 900 Patienten bedeuten für ihn eine Überforderung, der er sich schon bald nicht aussetzen will.

Der Hausarzt in Dorf A ist hoffnungslos überfordert. Er verrichtet Arbeit, die für 3 Hausärzte reichen würde, dazu kommt, dass er ständig spürt und weiß, dass er ein besserer Arzt sein könnte, wenn er mehr Zeit hätte.

Unzureichende Abrechnung

Beide verbliebenen Hausärzte sind also auf ihre Weise überfordert. Diese Tatsache ruft eine übliche Erscheinung unter den Landärzten hervor, die uns im Zusammenhang mit dem Fortgang dieser Artikelreihe interessiert: Sie rechnen schlecht ab. Nicht, weil sie kein Geld gebrauchen könnten oder barmherzige Samariter sind, die den Krankenkassen helfen wollen. Sie nehmen sich schlicht nicht die Zeit für eine ordentliche Abrechnung. Das Chaos des Alltags ist so groß, dass medizinisch unwichtige Dinge schnell zu kurz kommen und Umsatz ist zunächst einmal medizinisch unwichtig. Zumal Landärzte nicht als ökonomisch versiert gelten, um es milde auszudrücken. (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (5)

Meine graphischen Darstellungen der hausärztlichen Entwicklung in den Dörfern A-D war für Laien nicht sehr übersichtlich.
Deswegen gibt es hier noch einmal eine zusammenfassende Erklärung:

1. der fiktive Beobachtungszeitraum betraf die Jahre von 1995 – 2011
2. die Ausgangslage der ärztlichen Situation 1995: 4 Dörfer 5 Hausärzte mit einem in diesem Bereich damals als normal zu betrachtenden Arbeitsaufwand zwischen 40 – 60 Stunden die Woche, dazu wechselweise Notdienst am Wochenende. Unter der Woche war/ist jeder Arzt für seine Patienten selbst zuständig. Urlaubszeiten wurden unter den hausärztlichen Kollegen weitgehend abgesprochen. Die Einigung lautete, jeweils einmal 2 Wochen und einmal 3 Wochen im Jahr wollte man sich gegenseitig vertreten.
3. die Ausgangslage der Patientenzahlen 1995: 4 Dörfer mit rein rechnerisch 78 umliegenden Gemeinden, wobei nicht erlaubt ist, die angegebenen umliegenden Ortschaften einfach zu addieren. Die Grenzen der hausärztlichen Versorgung sind überlappend, so dass sich die Herkunft der Patienten durchaus überschneidet, bzw. einige der umliegenden Ortschaften auch durch die Ärzte in den beiden Kleinstädten im Nordosten und im Süden versorgt werden.
4. Nach und nach werden die hausärztlichen Praxen aufgegeben, manche erst nachdem versucht wurde, mit reduzierten Patientenzahlen zurechtzukommen. Diese Entwicklung führt zu einer erheblichen Überbelastung der verbleibenden Hausärzte.
5. Ende 2011 wird nur noch ein Hausarzt in Dorf A von den ehemals 5 Hausärzten übrig sein. Dieser hat allerdings bereits angekündigt hat, dass er diese Situation nur noch ein Jahr durchhält. Er will mit Anfang sechzig im Sommer 2012 seine Praxis ebenfalls schließen. Nachfolger gibt es in allen 5 Fällen nicht.
6. Im Jahr 2011 werden noch 2.400 + 800 = 3.200 Patienten pro Quartal in den Dörfern A und C direkt versorgt. Die restlichen 2.800 (vormals 6.000 Patienten insgesamt) sind wohl in der hausärztliche Versorgung der nahe liegenden Kleinstädte untergekommen. (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (4)

In den nächsten Folgen soll die Situation des Hausarztmangels in ländlichen Gebieten nachvollzogen werden. Sinn ist, danach eine mögliche Lösung des Problems zu konstruieren.
Beispiel einer Entwicklung von Hausarztsitzen und Krankenscheinzahlen einer fiktiven (aber realitätsnahen) Region in Niedersachsen innerhalb von 16 Jahren (Bilder zum Vergrößern anklicken)


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Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (3)

Fällige Renovierungen

Die Art und Weise wie der Beruf eines Hausarztes auf dem Lande heutzutage ausgeübt wird, sei antiquiert, heißt es unter Jungärzten. Wir haben schon gehört, wie die Gründe für diese Meinung lauten. Das meiste davon ist absolut richtig.

Aber!

Der Landarzt ist so antiquiert, wie ein Wohnzimmer aus den Sechziger oder Siebziger Jahren. Würde man deswegen das Wohnzimmer wegreißen, sozusagen ein Loch ins Haus schlagen? Nur weil einem Größe, Ausstattung und Einrichtung nicht mehr passen?
Die klügere Variante wäre doch wohl, wenn es schon ums Reißen geht, es bei ein paar Wänden, Tapeten und Teppichen zu belassen. Dazu käme das Unterputzlegen der Stromleitungen und die Entsorgung alter Möbel. Und wenn dann alles im neuen Glanze strahlt, fragt man sich, warum man so ein schönes Haus zerstören wollte. Und manchmal stellt sich auch noch heraus: So teuer war das alles gar nicht.

Ähnlich ist es mit dem Beruf des Hausarztes. Da gibt es allerhand Verstaubtes und Vergilbtes, angefangen von den gesetzlichen Vorgaben, der Einstellung der Krankenkassen, der kassenärztlichen Verwaltung, den Vorstellungen der Patienten, bis hin zu den Gedanken über den Beruf eines Landarztes in den Köpfen von jungen und alten Ärzten.
Und es ist gar nicht so teuer, das alles zu modernisieren. Die gesetzlichen Vorgaben schaffen Bewegungsspielraum. Also ran an die alten Strukturen, denn

warum sollte ein Landarzt… (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (2)

Landarzt – Idyll versus Horror

Kaum ein Beruf wird so unterschiedlich dargestellt und wahrgenommen, wie der eines Landarztes. Auf der einen Seite das perfekte Idyll in wie aus dem Ei gepellten Fernsehserien. Der Arzt als Held im Nobelauto, mit perfekter Familie, im Dauereinsatz zum Wohle der Menschheit. Auf der anderen Seite, aus Sicht der Jungmediziner und frustrierter Altgedienter, das Bild vom Grauen an sich. In den Weiten der Flächenländer auf verlorenem Posten sitzend – überarbeitet, unterbezahlt, unabkömmlich, fernab jeder Kultur und Infrastruktur, erstickend in Verwaltungsarbeit.

Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte

Beide Darstellungen sind Unsinn. Aber nach mehr als 24 Jahren Hausarztleben kann ich behaupten, dass die Fernsehversionen der Wahrheit immerhin näher kommen als die Horrorversionen. Dabei kommt es allerdings sehr darauf an, wie man eine Existenz als Landarzt angeht.
Diese Artikelreihe ist vor allem für junge Ärzte zur Motivation geschrieben und für ältere, denen vielleicht noch Zeit bleibt, ihr frustrierendes Berufsleben zu ändern. Außerdem ist sie für Patienten gedacht, die sich fragen, warum es eigentlich keinen Nachwuchs in den ländlichen Regionen gibt. Die Antwort darauf ist einfach:
Es wird viel falsch gedacht und falsch gemacht, wenn es um das Thema Landarztpraxis geht. Darüber hinaus ufert das aus, was man in diesem Zusammenhang am besten mit Latrinenparolen bezeichnet. Jeder, der keine Ahnung hat, weiß etwas zum Thema Arzt auf dem Lande zu sagen. Vor allem Politiker, Krankenkassenmanager und die eigene Fraktion der Selbstverwaltung, meist Ärzte in der Großstadt oder an Uni-Krankenhäusern, tun sich hervor. Landärzte, die selbst kein gutes Haar an ihrem Beruf lassen, ihr Jammern sogar an Patienten auslassen, arbeiten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einer Einzelpraxis.
Ich sage auch etwas zum Thema – als erfahrener Praktiker und als inzwischen ansehnlich auf ökonomischem Gebiet fortgebildeter Kleinunternehmer im medizinischen Bereich.
Selbstverständlich gibt es negative Aspekte in diesem Beruf, jede Menge sogar, aber um die geht es hier erst in zweiter Linie. Erstens sind die bedeutendsten negativen Seiten auszumerzen und zweitens sind sie vergleichsweise nachrangig. Wer sich als Arzt an den negativen Seiten des Berufes festhält, kann ihn nämlich nicht mehr freien Herzens ausüben, weder im Krankenhaus noch in der Großstadt oder auf dem Land. (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht! (1)

Warum? – Darum:

1. Medizin nahe am Menschen

2. Medizin nach eigenem Weltbild

3. Der Arzt als eigener Chef und Geschäftspartner

4. Ein Beruf mit hervorragendem Einkommen

5. Der Patient als guter Bekannter, Freund und „Lebensgefährte”

6. Der Arzt als Seelsorger

7. Der Arzt als Vorbild

8. Der Arzt als moderner Unternehmer

9. Der Arzt als renommierter Bürger

10. Die Arztfamilie in entspannter Umgebung

Der regelmäßige Leser dieses Blogs dürfte schon bemerkt haben: Der andere Hausarzt macht sich stark für den Fortbestand des Hausarztberufes, vor allem in der Kleinstadt und auf dem Land. Ein Träumer ist er bestimmt nicht. Aber ein Jahr vor dem silbernen Jubiläum in seiner Praxis fasziniert ihn sein Beruf mehr denn je.
In einer Artikelserie in loser Folge erklärt Der andere Hausarzt, warum er seinen Beruf als so außergewöhnlich empfindet. Aber nicht trocken und theoretisch, sondern am eigenen Beispiel der Gemeinschaftspraxis in ländlicher Umgebung – auf dem Weg in die Zukunft.

2. Platz bei den DocCheck Blog-Awards 2011

Die Schlacht ist geschlagen. Nach Platz drei im letzten Jahr, hat www.der-andere-hausarzt.de in diesem Jahr den 2. Platz erreicht. Sieger ist Pharmama aus der Schweiz. Ihre Stimmzahl war nicht zu toppen und als fleißige und kluge Bloggerin hat sie den Preis verdient.

Aber es gibt ein nächstes Mal und das Gesetz der Serie spricht für www.der-andere-hausarzt.de, denn nach drei kommt zwei und dann…?