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	<title>Der andere Hausarzt</title>
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	<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 14:34:34 +0000</pubDate>
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		<title>Hartz IV macht nicht glücklich</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 14:34:34 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Viele meiner Artikel beruhen einzig auf der Erfahrung als Hausarzt. Die hausärztliche Sicht ist mir in diesem Fall ganz besonders wichtig. Ich betone das, weil ich kein Interesse daran habe, auf dieser Blogseite parteipolitische Meinungen breitzutreten oder ideologische Sträuße zu fechten. Es geht mir um die ärztliche Sicht zu diesem Thema. Wir Hausärzte haben, im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Viele meiner Artikel beruhen einzig auf der Erfahrung als Hausarzt. Die hausärztliche Sicht ist mir in diesem Fall ganz besonders wichtig. Ich betone das, weil ich kein Interesse daran habe, auf dieser Blogseite parteipolitische Meinungen breitzutreten oder ideologische Sträuße zu fechten. Es geht mir um die ärztliche Sicht zu diesem Thema. Wir Hausärzte haben, im Gegensatz zur Berufsgruppe der Politiker, jeden Tag Gelegenheit zu sehen, wie das Leben derjenigen läuft, die nicht zu den Begünstigten zählen.<br />
<strong>Aus zweierlei Gründen:</strong><br />
<strong>1. Aus Gründen der Versorgung.</strong> Bei älteren, nicht mehr gesunden Arbeitslosen, die keine Aussicht mehr darauf haben, einen Arbeitsplatz zu finden, wird oftmals ausgelotet, welcher Weg in die Existenzsicherung gangbar ist. In diesen Fällen stellt sich die Frage, ob nach Krankengeld und/oder Arbeitslosengeld, Hartz IV die Zukunft ist oder eine Form von Rente. Der Hausarzt spielt in diesen Entscheidungsprozessen eine Rolle.<br />
<strong>2. Aus medizinischen Gründen.</strong> Weil es Menschen nicht glücklich und zufrieden macht, wenn sie von der letzten Unterstützung, die ihnen der Staat zu bieten hat, leben müssen. Hier geht es nicht in allererste Linie um die Höhe der Bezüge, sondern um die Tatsache, dass man ohne Hilfe des Staates nicht für sich und seine Familie sorgen kann. Wer nicht glücklich und zufrieden ist, wird er leichter krank und geht zum Hausarzt.<span id="more-252"></span><br />
<strong>Junge Langzeitarbeitslose leiden dabei anders als ältere.</strong><br />
Der ältere, der sein Leben lang gearbeitet hat, aber mit Anfang oder Mitte fünfzig arbeitslos wird und keine neue Stelle mehr bekommt, empfindet Hartz IV als demütigend. Scham und Angst sind Gefühle, die in diesem Zusammenhang sicher eine größere Rolle spielen, als Lebensgenuss auf der faulen Haut.<br />
Beim jungen Hartz-IV-Empfänger stehen eher die Gefühle Perspektivlosigkeit und Desillusion im Vordergrund. Ein Gefühl, das sich verselbstständigen und in Depression oder andere Krankheitsbilder führen kann. Je länger diese Art Perspektivlosigkeit besteht, um so geringer die Chance, Betroffene wieder in ein normales Arbeitsleben zu integrieren.<br />
<strong>Ausnahmen sind nicht die Regel</strong><br />
Es ist ein Fehler zu glauben, dass die Mehrheit der Harzt-IV-Empfänger ihr Leben auf der faulen Haut liegend genießen. Wie überall gibt es Ausnahmen, aber die Ausnahmen sind nicht die Regel.</p>
<p><strong>Populistische Forderungen</strong>, diese Personengruppe zu einer Art Reservearmee zu formen, helfen gewiss nicht weiter. Schnee schaufeln, Innenstadt fegen, öffentliche Rabatten pflegen  oder Ähnliches zu fordern, ruft zwar ausgiebiges Kopfnicken an Stammtischen hervor, übersieht aber, das so etwas nicht ohne Probleme ist. Gerade Politiker, die sich mit komplizierten Verwaltungsvorgängen bestens auskennen, sollten das wissen. Wer sollte denn bestimmen, wer zum Schneeschaufeln geeignet ist? Wie sähe so ein Bereitschaftsdienst technisch aus? Wer führt die Leute und weist sie ein? Und wird Hartz IV dadurch würdiger, wenn deren Empfänger zu Menschen werden, die als letztes Glied einer Kette, anderen den Schnee (oder Dreck) wegräumen? Womöglich ohne Rechte und ohne Tarife. Mag sein, dass so einer Idee etwas Gutes anhaftet, aber hatte nicht auch der Autobahnbau seinerzeit sein Gutes?<br />
Wie wohl jeder Mensch, ärgere ich mich gelegentlich über Leute, die immer irgendwie ohne zu arbeiten durchkommen. Vielleicht geht es Herrn Westerwelle auch so. Aber ein Mann wie der Außenminister sollte genug Verstand besitzen, zu wissen, dass es nicht nur eine Last ist, zu jeder Zeit angemessen bezahlt, hart arbeiten zu dürfen. Es ist auch und vor allem ein Privileg.<br />
<strong>Ein Tipp im Umgang mit der Minderheit der „faulen Socken“</strong> nicht nur für Herrn Westerwelle: Fragen Sie sich, wenn Sie sich ärgern, ob Sie allen Ernstes, mit demjenigen, über den Sie sich gerade ärgern, tauschen möchten. Die Mär der glücklichen Hartz-IV-Empfänger ist und bleibt eine Mär.</p>
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		<title>Dr. Kunze hört (nicht) auf 20</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Feb 2010 19:58:07 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Kolumne des Monats]]></category>

		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>

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		<description><![CDATA[Februar 2010
Dr. Kunze ist krank
Hausarzt Dr. med. Anselm Kunze erwachte, noch bevor der Wecker klingelte. Sein Kopf schmerzte, er bekam keine Luft durch die Nase, und er fror. Es war halb sechs und noch eine knappe halbe Stunde, bis der Signalton erklang. Er stand auf. Er musste aufs Klo, brauchte eine Aspirin und etwas für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #3366ff;">Februar 2010</span><br />
<strong>Dr. Kunze ist krank</strong><br />
Hausarzt Dr. med. Anselm Kunze erwachte, noch bevor der Wecker klingelte. Sein Kopf schmerzte, er bekam keine Luft durch die Nase, und er fror. Es war halb sechs und noch eine knappe halbe Stunde, bis der Signalton erklang. Er stand auf. Er musste aufs Klo, brauchte eine Aspirin und etwas für die Nase. Im Badezimmer fand er die Tabletten auf Anhieb, aber das Nasenspray war nicht da. Anselm Kunze fluchte leise und versuchte eine Nasenspülung mit Leitungswasser. Aber es funktionierte nicht. Wie sollte er Wasser durch die Nase einziehen, wenn schon keine Luft durchging? Er ging zurück ins Schlafzimmer, legte sich wieder ins Bett und hoffte, dass die Medizin bald wirkte. Er atmete mit offenem Mund, er zitterte am ganzen Leib und seine Rachenschleimhaut trocknete aus.<span id="more-251"></span><br />
So lag er eine Weile, stöhnte leise mit jedem Atemzug und  – bedauerte sich. Selten erwischte ihn ein Virus, aber wenn es alle paar Jahre soweit war, fühlte er sich richtig schlapp und wie gerädert. Am liebsten wollte er seine Frau wecken und sie bitten, ihm ein Nasenspray aus der Praxis zu holen. In seinem Schrank für Medikamentenmuster stand genug. Er hasste es, durch den Mund zu atmen. Seine Frau würde ihm bestimmt den Gefallen tun, aber es war sinnlos, er musste selbst bald in die Praxis. Bis mittags war der Terminkalender voll, dazu kamen die Patienten, die nicht eingeplant waren.<br />
Es hatte keinen Sinn liegen zu bleiben. Mit Kopfschmerzen und behinderter Nasenatmung konnte er doch nicht wieder einschlafen, außerdem hatte er sowieso nur noch eine halbe Stunde. Er stand wieder auf und ging zur Morgentoilette ins Bad. Er kam nur langsam voran. Zwischendurch wurde ihm schwindelig, sodass er sich auf den Badewannenrand setzen musste, um nicht umzukippen.<br />
Als er endlich soweit war, sich die Strümpfe anzuziehen, bückte er sich und spürte sofort einen höllischen Schmerz über den Augen. Er kam wieder hoch, klopfte behutsam mit dem Knöchel des Zeigefingers gegen die Stirn und spürte denselben Schmerz. Stirnhöhlenvereiterung – diagnostizierte er im Stillen, im Rahmen eines grippalen Infektes. Aspirin und Nasenspray würden nicht ausreichen. Er brauchte ein Antibiotikum, vor allem wenn er schnell wieder fit sein wollte. Ihm war klar, dass er als Mann besonders litt, aber die Erkenntnis half nicht weiter. Wie oft hatte er den Eintrag <em>männliche Grippe</em> lässig in die Karteikarte getippt oder <em>Erkältung, maskulin verstärkt</em>. Aber jetzt war ihm nicht danach, über leidende Männer zu scherzen. Er litt wirklich.<br />
„Herrgott, du siehst ja aus wie der Tod“, begrüßte ihn seine Frau, als er sich endlich an den Frühstückstisch setzte, den sie inzwischen längst gedeckt hatte.<br />
„Was ist mit dir?“<br />
Während er es ihr erklärte, sah sie seine trüben, wässrigen Augen und seine sonst glatte Stirn in tiefen Falten liegen. Jeder fragende Blick war überflüssig.<br />
„Dann bleibst du zu Hause. Ich rufe Christine an. Sie soll alle Patienten nach Hause schicken oder zu Dr. Börner.“<br />
„Das geht nicht.“<br />
„Warum nicht? Du bist nicht der einzige Arzt auf der Welt!“<br />
„Das weiß ich, aber Frau Giese wollte heute mit mir über den Tod ihres Mannes sprechen. Bei dem kleinen Tim Barthold hatte ich gestern Abend ein ganz schlechtes Gefühl. Vielleicht ist es doch der Blinddarm. Und der alte Herr Wense braucht sein Morphium. Er stirbt. Er hat Schmerzen. Er wollte mir gestern noch etwas sagen, aber er war zu schwach. Ehepaar Rinke kommt zum Paargespräch, er geht doch zu keinem Psychologen. Wenn überhaupt, redet er nur mit mir. Außerdem ist das Untersuchungsergebnis von Frau Schmedts Probe aus der Brust da. Du weißt doch, die nette Kindergärtnerin, die ich schon behandelt habe, als sie selbst noch in den Kindergarten ging. Es ist Krebs.“<br />
„Ja, ja, ich weiß. Aber du bist krank und könntest selbst Hilfe gebrauchen. Aber mach, was du willst. Machst du ja sowieso. An einem Tag willst du ganz aufhören mit der Praxis, am nächsten schleppst du dich mit Fieber hin und steckst deine Patienten an. Das soll einer verstehen.“<br />
„Glaubst du, ich habe Fieber?“<br />
„Du glühst. Befühl doch mal deine Stirn“, forderte sie ihn auf.<br />
Seine Frau hatte Recht. Er sollte zu Hause bleiben. Es würde auch ohne ihn gehen – gehen müssen. Wie würde es erst sein, wenn er ganz aufhörte? Aber wenn er ehrlich genug zu sich selbst war, wusste er, wie es gehen würde. Die Patienten würden ihm ein paar Tage nachtrauern, einige ein paar Wochen, vereinzelte auch ein paar Monate. Aber im Großen und Ganzen würde der Alltag nach dem Motto laufen: Der König ist tot, es lebe der König. Warum sollte er also nicht ein, zwei Tage zu Hause bleiben und sich auskurieren. Jedem seiner Patienten hätte er genau das geraten.<br />
Das Telefon klingelte. Seine Frau nahm den Anruf entgegen. Frau Wense war am Apparat. Frau Kunze hielt die Muschel zu und sah zu ihrem Mann.<br />
„Frau Wense. Ihr Mann ist in der Nacht gestorben.“<br />
„Sag ihr, ich komme.“<br />
Frau Kunze gab die Antwort leise weiter, während sich ihr Mann ins Bad schleppte, um sich die Zähne zu putzen. Leichenschau und Totenschein ausfüllen, diese letzte Pflicht konnte er unmöglich einem Fremden überlassen. Womöglich kam irgendein herzloser Holzklotz von Arztkollege ins Haus und ärgerte sich darüber, dass Herr Wense noch vor Beginn der Sprechstunde gestorben war. Außerdem ging es ihm mit langjährigen Patienten wie mit verstorbenen Verwandten oder Bekannten: Er konnte sich besser vorstellen, dass sie nicht mehr lebten, wenn er ihre Leiche gesehen hatte.<br />
Im Hausflur schlang er sich einen Schal um den Hals, obwohl sich draußen wieder ein warmer Sonnentag ankündigte. Der Hausarzt setzte sich hinter das Steuer seines Wagens und verschnaufte einen Augenblick. Er war erschöpft vom Gang die Treppe hinunter in die Garage. Als erstes musste er in die Apotheke am Rathaus, die öffnete schon vor sieben Uhr und lag im Gegensatz zu seiner Praxis auf dem Weg . Er brauchte unbedingt Nasenspray. Die Entscheidung, nicht in die Praxis zu gehen, war nach dem Anruf von Frau Wense hinfällig. Jetzt war er einmal unterwegs und irgendwie würde es schon gehen.<br />
Eine gute halbe Stunde später rief Frau Wense ein zweites Mal an und versetzte damit der Ehefrau des Hausarztes einen Schrecken.<br />
„Aber mein Mann ist schon vor geraumer Zeit losgefahren, er müsste längst bei Ihnen sein. Hoffentlich hatte er keinen Unfall, ihm ging es nämlich nicht gut, wissen Sie?“<br />
„Nein, nein. Er hatte keinen Unfall. Er sitzt hier bei mir. Das heißt, er liegt hier bei mir auf dem Sofa. Er zittert am ganzen Körper und seine Stirn ist heiß. Er kann unmöglich selbst weiter Auto fahren. Können Sie ihn abholen? Ich habe keinen Führerschein, ich würde ihn sonst bringen.“<br />
Bevor Frau Kunze zu den Schlüsseln ihres Wagens griff, rief sie Christine in der Praxis an. In fünf Minuten sollte die Sprechstunde beginnen. Es gab allerhand zu organisieren, wenn der Hausarzt die restlichen drei Tage der Woche nicht praktizieren würde. Sie nahm ihr Mobiltelefon mit in den Wagen, steckte es in Freisprechanlage und rief den hausärztlichen Kollegen Dr. Börner an, das hatte sie mit Christine abgesprochen.<br />
Als Anselm Kunze wieder in seinem Bett lag, war er nicht in der Lage, gegen die organisatorischen Maßnahmen seiner Frau und seiner Arzthelferin Einspruch zu erheben. Er war müde, hatte Kopfschmerzen und ihm war kalt und heiß zu gleich. Im Laufe des nächsten Nachmittags, am Donnerstag, besserte sich sein Zustand. Aber er war froh, dass seine Frau die Sprechstunde gleich für den Rest der Woche abgesagt hatte. Im Bett zu liegen, ab und zu eine Tasse Tee und etwas Obst gereicht zu bekommen, war eine Wohltat. Wenn der Druck in seinem Schädel weiter abnahm, würde er am nächsten Tag vielleicht lesen können.<br />
Eines wurde Hausarzt Dr. med. Kunze in diesen Tagen jedenfalls klar: Seine Empfehlung an die Patienten, im Falle einer Krankheit vor allem Ruhe zu halten, war absolut richtig.</p>
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		<title>Dr. med. Kunze ist krank</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Feb 2010 16:58:51 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Februarausgabe der Kolumne &#8220;Dr. Kunze hört (nicht) auf&#8221; ist der Hausarzt krank. Der Leser erfährt, dass es für das Umfeld durchaus keine einfache Situation ist, wenn ein Arzt selbst krank wird.
Die Geschichte erscheint am 28. Februar 2010. Es wird die 20. Ausgabe in dieser Reihe sein. Dass Dr. med. Anselm Kunze ausgerechnet zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der Februarausgabe der Kolumne &#8220;Dr. Kunze hört (nicht) auf&#8221; ist der Hausarzt krank. Der Leser erfährt, dass es für das Umfeld durchaus keine einfache Situation ist, wenn ein Arzt selbst krank wird.<br />
Die Geschichte erscheint am <strong>28. Februar 2010</strong>. Es wird die 20. Ausgabe in dieser Reihe sein. Dass Dr. med. Anselm Kunze ausgerechnet zu diesem kleinen Jubiläum erkrankt, spricht möglicherweise Bände. Sollte der Zeitpunkt gekommen sein, endlich eine Entscheidung zu treffen? Ich befürchte, es ist mit einem klaren Jein zu rechnen.</p>
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		<title>Krank durch Diagnose 4</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Feb 2010 16:32:58 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[medizinisches Wissen für Jedermann]]></category>

		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil 4 Ein Fazit
Im letzten Artikel dieser Reihe wurden die Gefahren einer Jagd nach der Diagnose anhand des Symptoms Schwindel ausführlich dargestellt. Der Schwindel stand dabei als Teil des Ganzen. Gefahren wurden aufgezeigt, die heutzutage möglicherweise größer sind als die Gefahren, die vom Symptom selbst ausgehen. Sehr selten steckt beispielsweise hinter dem Symptom Schwindel eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Teil 4 Ein Fazit</strong><br />
Im letzten Artikel dieser Reihe wurden die Gefahren einer Jagd nach der Diagnose anhand des Symptoms Schwindel ausführlich dargestellt. Der Schwindel stand dabei als Teil des Ganzen. Gefahren wurden aufgezeigt, die heutzutage möglicherweise größer sind als die Gefahren, die vom Symptom selbst ausgehen. Sehr selten steckt beispielsweise hinter dem Symptom Schwindel eine gefährliche Erkrankung, ebenso wenig wie hinter dem Symptom Rückenschmerz oder hinter dem Gefühl von allgemeiner Schwäche und anderes mehr. Hier kann nur ein Arzt mit Augenmaß helfen, der einerseits schwerwiegende Krankheiten nicht übersieht, andererseits der Natur eine Chance gibt, das Symptom von allein verschwinden zu lassen. Hierin lag meines Erachtens schon immer eine der wichtigsten Aufgaben des Hausarztes, und liegt sie besonders in diesen und in kommenden Zeiten.<span id="more-248"></span><br />
<strong>An dieser Stelle sei eine kleine Auswahl an Therapiemöglichkeiten des Schwindels genannt.</strong> Anspruch auf Vollständigkeit besteht genauso wenig, wie Anspruch auf Therapieerfolg:<br />
Tabletten und Tropfen verschiedener Art, Spritzen, Infusionen, Massage, Krankengymnastik, Akupunktur, Zahnsanierung, Lagerungsmanöver, Ernährungsumstellung, Psychotherapie, operative Eingriffe verschiedener Art, von der Operation am Ohr bis hin zur Sanierung der Halsschlagadern. Die Naturheilkunde und die Homöopathie mit ihren speziellen Behandlungskonzepten kommen hinzu.<br />
<strong>Zurückhaltung ist ratsam</strong><br />
Viele Ärzte und Therapeuten bieten die einzig wahre Lösung des Problems und das einzig wahre Behandlungskonzept. Wenige können zugeben, dass nicht für jedes Symptom eine Therapiemöglichkeit besteht. Auf der anderen Seite können nur wenige Patienten eine ehrliche Antwort des Arztes vertragen, wenn der früher oder später zugibt, dass eine Erfolg versprechende Therapie nicht existiert, oder wenn er auf der Psychosomatik des Symptoms besteht.<br />
<strong>Beliebte Schrotschusstechnik</strong><br />
Eine komplette Diagnostik ist modern geworden, weil der Arzt mit ihr auf der sicheren Seite zu stehen scheint. Wer streuend schießt, landet irgendwann einen Treffer. Ein Arzt, der immer alles bis zum Letzten untersucht, muss sich nicht dem Vorwurf der fehlenden Gründlichkeit aussetzen. Aber mit Sorgfalt hat das nicht immer zu tun. Sorgfalt dem Patienten gegenüber berücksichtigt auch dessen Ängste, die oft durch bedeutungslose Untersuchungsergebnisse ausgelöst werden.<br />
Bandscheibenvorwölbungen, minimale Herzklappenveränderungen, unbedeutende Gefäßverengungen oder -erweiterungen, ungefährliche Zysten in Leber oder Nieren, grenzwertig veränderte Blutwerte, all das sind Dinge, die Ärzte ein müdes Lächeln kosten, mit denen sich der Patient aber möglicherweise monate- und jahrelang herumplagt. Ein psychischer Schaden ist schnell gesetzt.<br />
<strong>Wegweiser durch die Medizin</strong><br />
Für den Patienten den Pfad im Dschungel der Medizin zu finden, zwischen Schaden durch Überversorgung und Schaden durch Unterlassung, das ist die wahre ärztliche Kunst. Zur Ausübung und Erlangung dieser Kunst brauchen die Ärzte Verbündete. Der wichtigste Verbündete sollte der Patient sein. Der moderne Patient muss wissen, was er tut, wenn er auf einer hundertprozentigen medizinischen Versorgung besteht. Wer diese verlangt, bekommt sie womöglich auch, mit all ihren Folgen.<br />
Wichtig ist, dass in einem vertrauensvollen Patienten-Arzt-Verhältnis der Schluss zulässig ist: Wir warten ab. Möglicherweise mit wenig Untersuchung und ohne spezielle Therapie. Ein solches Fazit ist in diesen Zeiten bereits ungewöhnlich, in Zukunft wird es zur Rarität werden.</p>
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		<title>Krank durch Diagnose 3</title>
		<link>http://www.der-andere-hausarzt.de/2010/02/diagnose-3/</link>
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		<pubDate>Sat, 13 Feb 2010 12:51:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[medizinisches Wissen für Jedermann]]></category>

		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil 3 Ein ausführliches Beispiel
In heutigen Artikel soll die Odyssee von Patienten mit einer bestimmten Beschwerde durchgespielt werden. Ein Symptom als Beispiel für viele: Der Schwindel.
Schwindel ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Symptom (Krankheitszeichen) zur Diagnose wird. Schwindel ist als Gleichgewichtsdefekt nichts anderes als Schmerz, Fieber, Husten, Blähungen oder Verstopfung, also ein Symptom zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Teil 3 Ein ausführliches Beispiel</strong><br />
In heutigen Artikel soll die Odyssee von Patienten mit einer bestimmten Beschwerde durchgespielt werden. Ein Symptom als Beispiel für viele: Der Schwindel.<br />
Schwindel ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Symptom (Krankheitszeichen) zur Diagnose wird. Schwindel ist als Gleichgewichtsdefekt nichts anderes als Schmerz, Fieber, Husten, Blähungen oder Verstopfung, also ein Symptom zu dem erst noch eine Diagnose gefunden werden muss. Die Frage lautet also: Liegt dem Schwindel ein Innenohrschaden zu Grunde, eine Blockade der Halswirbelsäule, eine Durchblutungsstörung des Kopfes, ein Gehirntumor oder, oder, oder?<br />
<strong>Ist eine Diagnose zwingend erforderlich?</strong><br />
Muss man die Ursache des Schwindels wirklich erforschen? Schwindel ist ein gutes Beispiel dafür, wie Diagnosesicherung schaden kann, wie sich Ärzte die Zähne daran ausbeißen, sie verzweifeln und fühlen sich sogar in ihrer Ehre gekränkt. All das klingt gar nicht gut und geht meist zu Lasten des Patienten.<span id="more-247"></span><br />
<strong>Der Fall</strong><br />
Eine Patientin kommt zum Hausarzt. Sie beklagt einen starken Schwankschwindel, der sich vor allem beim Lagewechsel bemerkbar macht. Die Beschwerden bestehen seit etwa einer Woche. Die Patientin ist Mitte vierzig, ihre Krankengeschichte weist bis auf Bagatellerkrankungen, dazu drei Krankenhausaufenthalte zur Geburt ihrer gesunden Kinder, nichts Besonderes auf. Sie erwähnt auf Nachfrage, dass eine Freundin von früher an einem Gehirntumor gestorben ist. Außerdem hat sie im Internet gelesen, dass Multiple Sklerose mit Schwindel beginnen kann.<br />
Wenn man den Grundsatz walten lässt: Das Häufige ist häufig und das Seltene selten, würde man hier als Hausarzt zunächst mal eine typische psychosomatische Reaktion feststellen. Zumal im weiteren Gespräch herauskommt, dass der Ehemann der Patientin seinen Arbeitsplatz verloren hat. Stress und Sorge sind eine gute Grundlage für einen Schwindel.<br />
<strong>Wie geht es weiter?</strong><br />
An dieser Stelle eröffnen sich unzählige Wege, wie es weitergehen kann.</p>
<ol>
<li>Der Hausarzt untersucht die Patientin, stellt einen niedrigen Blutdruck fest und ist in der Lage, die Patientin mit diesem Zwischenergebnis zu beruhigen. Er bestellt sie zur kurzfristigen Kontrolle eine Woche später wieder ein.</li>
<li>Die Frau kann von dem Gedanken einer schweren Krankheit nicht loslassen und fordert ein CT des Kopfes und/oder eine fachneurologische Untersuchung</li>
<li>Die Patientin fordert zwar keine weitergehenden Untersuchungen, aber der Arzt fühlt sich damit sicherer</li>
<li>In den Augen der Patientin ist der Hausarzt zu oberflächlich. Sie verabschiedet sich zwar freundlich, ist aber entschlossen ohne Überweisungsschein zum Facharzt zu gehen.</li>
</ol>
<p>Dies wären ein paar ausgewählte Varianten, die jeweils wieder in unzähligen Variationen münden können.</p>
<p><strong>Varianten zu 1.)</strong></p>
<ol>
<li>Der Schwindel ist zwar hartnäckig, aber nach zwei weiteren Arztkontakten, einmal mit einer Rezeptur eines harmlosen Medikaments, klingen die Beschwerden nach und nach wieder ab.</li>
<li>Am Wochenende wird der Schwindel so stark, dass der hausärztliche Notdienst gerufen wird. Der diensthabende Arzt befragt und untersucht die Patientin kurz, und&#8230; (ab hier wieder jede Menge Varianten. Die bevorzugte heutzutage ist: Was? Mehr hat ihr Hausarzt nicht unternommen? Kommen Sie nach dem Wochenende mal in meine Praxis.)</li>
<li>Die Patientin trifft eine befreundete Masseurin auf der Straße, die ganz unbedingt überzeugt ist, von der Wichtigkeit einiger Massagebehandlungen</li>
<li>Die Patienten schaltet die Sendung „Visite“ ein und ist am Ende der Sendung überzeugt, unter Anzeichen eines Schlaganfalls zu leiden</li>
<li>Die Krankenkasse leitet auf Initiative des Arbeitgebers der Patientin eine gutachterliche Stellungnahme in die Wege. Das Ergebnis lautet auf Deutsch übersetzt: &#8230; (hier gibt es wieder mehrere Varianten) Ohne fachärztliche Diagnostik ist dieser Fall eine einzige Schlamperei. Der Hausarzt wird zur HNO-ärztlichen und neurologischen Überweisung aufgefordert.</li>
<li>Die Varianten ließen sich in einer langen Reihe weiterführen, von der Lektüre der &#8220;Frau im Spiegel&#8221;, bis zum Friseurgespräch, dem Apothekerrat u.v.a.m.</li>
</ol>
<p><strong>Varianten zu 2. (und 3. bzw. 4.)<br />
<span style="font-weight: normal;">An dieser Stelle soll ein wenig zusammengefasst werden, sonst wird dieser Artikel buchfüllend:</span></strong></p>
<ol>
<li>Ein durchgeführtes CCT (craniales Computertomogramm) ist unauffällig und die Patientin beruhigt. Damit ist die Sache erledigt. Sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist&#8230;</li>
<li>das CCT ist unauffällig, aber der Radiologe schlägt zur Sicherheit ein MRT des Kopfes vor (Magnetresonanztomogramm=Kernspintomogramm) vor. Sonst lässt sich ein Tumor oder ein Schlaganfall nicht mit Sicherheit ausschließen. Versuchen Sie mal als Hausarzt gegen eine solche Empfehlung anzureden. In aller Regel beißen Sie sich die Zähne aus. Der Floh ist sozusagen ins Ohr gesetzt. (Siehe Artikelserie <a title="Zum Anfang der Artikelserie" href="http://www.der-andere-hausarzt.de/2009/09/politik-1/">Wer fängt an?</a>)</li>
<li>Das MRT zeigt eine chron. Nasennebenhöhlenentzündung. Zu diesem Zeitpunkt wird erstmals eine veritable Diagnose gestellt, allerdings zum falschen Symptom. Jetzt geht‘s zum HNO-Arzt. Können Sie sich die Varianten vorstellen?</li>
<li>Das MRT zeigt ein erweitertes Ventrikelsystem (Hohlräume für das Gehirnwasser). Ab jetzt ist alle Vierteljahre ein MRT fällig, weil eine Zunahme der Erweiterung ausgeschlossen werden muss, obwohl im Prinzip klar ist, dass die Patientin damit geboren wurde.</li>
<li>Der Neurologe misst den Blutfluss in den vorderen und hinteren Halsschlagadern. Er stellt eine minimale Carotisstenose fest (Genaueres s. <a title="Zum Artikel über Carotisstenose" href="http://www.der-andere-hausarzt.de/2009/10/aktuelles-50/">hier</a>) und überweist die Patientin zum Angiologen (Gefäßspezialist). Ab hier wieder haufenweise Varianten. In diesem Fall sei es diese: Der Angiologe misst eine 20%igen Verschluss der linken Karotis ohne hämodynamische Bedeutung (keinen Einfluss auf den Blutstrom). Wahrscheinlich eine Variante der Natur, die nämlich auch jede Menge Varianten kennt.</li>
<p>Bis hierher soll das Beispiel getrieben werden, ausführlich genug und doch nur ein kleiner Abriss des Komplexes: Schwindel.<br />
Im nächsten Artikel soll beschrieben werden, wohin das Ganze führt.</ol>
<ol><strong><br />
</strong></ol>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Krank durch Diagnose 2</title>
		<link>http://www.der-andere-hausarzt.de/2010/02/diagnose-2/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 15:27:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[medizinisches Wissen für Jedermann]]></category>

		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.der-andere-hausarzt.de/?p=246</guid>
		<description><![CDATA[Teil 2 Der Weg zur Diagnose
Im letzten Artikel wurde der Begriff Diagnose und der Weg dorthin erklärt. Der Ablauf im Patienten-Arzt-Verhältnis ist von der Struktur immer gleich:
Ein Mensch wird zum Patient und sucht in aller Regel seinen Hausarzt auf. Der Hausarzt stellt im ersten Schritt allgemeine und gezielte Fragen (Anamnese), dann untersucht er den Patienten. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Teil 2 Der Weg zur Diagnose</strong><br />
Im letzten Artikel wurde der Begriff Diagnose und der Weg dorthin erklärt. Der Ablauf im Patienten-Arzt-Verhältnis ist von der Struktur immer gleich:<br />
Ein Mensch wird zum Patient und sucht in aller Regel seinen Hausarzt auf. Der Hausarzt stellt im ersten Schritt allgemeine und gezielte Fragen (Anamnese), dann untersucht er den Patienten. Diese Untersuchung reicht von einem Blick, bis hin zum Schreiben eines EKGs oder Abhorchen der Lunge per Stethoskop. Falls der Hausarzt zu keinem Ergebnis kommt, lässt er untersuchen. In diesem Fall werden Fachärzte und/oder Apparate zu Rate gezogen. Dieser letzte Schritt ist nicht zwingend, die ersten beiden Schritte so gut wie immer.<br />
<strong>Detektivarbeit</strong><br />
Das Ermitteln einer Diagnose kann der schwierigste Teil einer Erkrankung sein, manchmal schwieriger als die anschließende Therapie. Zähes Ringen um eine Diagnose ist vergleichsweise selten, geschieht allerdings heutzutage häufiger als es nötig wäre. Dazu komme ich noch.<span id="more-246"></span><br />
<strong>Genaue Diagnose oft unnötig</strong><br />
Im medizinischen Alltag sind Krankheitsgeschichte und Untersuchung zwar entscheidend zur Beurteilung eines Krankheitsfalles, aber eine genaue Diagnose ist oft von nachrangiger Bedeutung. Das mag überraschend klingen, ist aber medizinischer Alltag. Im Falle einer harmlosen oder leichten Erkrankung ist eine Diagnose von untergeordnetem Interesse. Der Einfachheit halber wird einfach das Symptom zur Diagnose, also die Beschwerde zur Krankheit, und behandelt. Husten, ein Symptom, wird zur Krankheit, ebenso Schnupfen, Kopfschmerz, Schwindel usw.<br />
Ein gutes Beispiel ist der Rückenschmerz. Ein Patient leidet unter Schmerzen in der Lendenwirbelsäule. Dies geht seit drei Tagen und wird immer schlimmer. Er besucht den Arzt, weil er sich kaum mehr bewegen und deswegen nicht zur Arbeit gehen kann. Die ärztliche Untersuchung zeigt zwar eine schmerzbedingte Schonhaltung und ein paar Muskelverhärtungen lassen sich ertasten, aber sonst ergeben sich keine Auffälligkeiten, bis auf den empfundenen Schmerz. Es ist zu vermuten, dass mit körperlicher Schonung und ein paar abschwellenden Schmerzmitteln die Lage innerhalb weniger Tage im Griff zu bekommen ist.  Die Diagnose lautet Lumbago (Schmerz in der Lendenwirbelsäule - im Volksmund Hexenschuss). Genau genommen ist das keine Diagnose, sondern die Beschreibung des Zustandes. Eine Diagnose wäre es erst, wenn man genau ermittelte, woher diese Schmerzen rühren.<br />
<strong>Wendepunkt in der Diagnostik</strong><br />
An dieser Stelle wird weiterführende Diagnostik (Untersuchungen) eventuell zur Gefahr. Können sich Patient und/oder Arzt, trotz fehlender schwerwiegender Befunde, nicht damit zufrieden geben, dass einfach die Beschwerden zur Diagnose werden, kann es an dieser Stelle zu einem entscheidenden Wendepunkt in der Krankheitsgeschichte des Patienten kommen.<br />
Der Ablauf in der heutigen Medizin stellt sich in etwa so dar:<br />
Für eine genauere Diagnose wird eine Röntgenaufnahme der Lendenwirbelsäule in die Wege geleitet. Der Befund ist unauffällig. Der Röntgenarzt empfiehlt ein MRT zur präzisen Beurteilung der Bandscheibensituation. Der Hausarzt stimmt zu, entweder weil er die Untersuchung selbst auch für richtig hält, oder weil er vom Patienten überredet bis genötigt wird. Wie so etwas im Praxisalltag aussieht, dazu kommen wir noch.<br />
<strong>Leiden durch Wissen</strong><br />
Das MRT (Kernspintomogramm oder auch „Röhre“) zeigt zwei oder drei vorgewölbte Bandscheiben. Der Röntgenarzt schüttelt weise sein Haupt, ob des schwerwiegenden Befundes. Er erwähnt zwar, dass eine Vorwölbung kein Vorfall ist, aber fast. Es handele sich um eine Protrusion, nicht um einen Prolaps. Er würde eine CT-gesteuerte Spritzenserie empfehlen.<br />
Der Patient versteht nur Bandscheibenvorfall und bedeutende Fremdwörter. Der Hausarzt, falls er an dieser Stelle noch etwas zu sagen hat, sitzt in der Falle. Sagt er durch die Blume oder ganz offen, dass der Facharzt übertreibt, dass Krankengymnastik, Schonung und Tabletten reichen, glaubt der Patient möglicherweise, dass er nicht ernst genommen wird. Unterstützt der Hausarzt den Vorschlag leitet er, vielleicht sogar wissentlich, möglicherweise vollkommen sinnlose Therapiemaßnahmen in Gang.</p>
<p>An dieser Stelle verweise ich auf meine kleine Artikelreihe <a title="zum ersten Teil der Serie" href="http://www.der-andere-hausarzt.de/2009/09/politik-1/">Wer fängt an</a><br />
Dieser Fall ist nur ein kleines Beispiel. Er zeigt aber, wo die Crux in der heutigen Medizin liegt. Jede der beteiligten Parteien spielt ihre Rolle, der Patient, der Hausarzt und der Facharzt. In anderen Fällen kommen noch Apotheker, Krankengymnast, Ergotherapeut, Logopäde, Krankenkasse, Fachliteratur, Laienmedien, Medikamentenhersteller und der gesamte paramedizinische Bereich dazu. Die Liste birgt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Einzelnen beteiligten werden im nächsten Artikel beleuchtet.</p>
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		</item>
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		<title>Krank durch Diagnose 1</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 19:09:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[medizinisches Wissen für Jedermann]]></category>

		<category><![CDATA[Diagnose]]></category>

		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Zugegeben, der Titel dieser neuen kleinen Artikelserie klingt paradox. Normalerweise gibt die ermittelte Diagnose vorhandenen Symptomen einen Namen, fasst also die Summe der Beschwerden zusammen und ordnet sie einer Krankheit zu. Der Name der Krankheit entspricht der Diagnose. Eine Diagnose ist also eher Folge und nicht Ursache von Krankheit. Fragt sich, warum der Titel trotzdem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zugegeben, der Titel dieser neuen kleinen Artikelserie klingt paradox. Normalerweise gibt die ermittelte Diagnose vorhandenen Symptomen einen Namen, fasst also die Summe der Beschwerden zusammen und ordnet sie einer Krankheit zu. Der Name der Krankheit entspricht der Diagnose. Eine Diagnose ist also eher Folge und nicht Ursache von Krankheit. Fragt sich, warum der Titel trotzdem stimmen kann.<br />
<strong>Teil 1 Die Diagnose</strong><br />
Sehen wir uns den Ablauf der Diagnosestellung an, wie sie beispielsweise beim Hausarzt typisch ist:<br />
Am Anfang steht die <strong>Anamnese</strong>, die Befragung des Patienten hinsichtlich seiner Beschwerden und des Beschwerdeverlaufs. Es kann nötig sein, diesen Teil auszudehnen, beispielsweise auf länger zurückliegende Erkrankungen, auf Erkrankungen der Familie, auf die berufliche Situation und vieles andere mehr.<span id="more-245"></span><br />
Danach folgt die <strong>Untersuchung</strong>. Hier setzt der Arzt seine Sinne ein.<br />
<strong>das Sehen</strong> für die Inspektion (Betrachtung)<br />
<strong>das Fühlen</strong> für die Palpation (Abtasten)<br />
<strong>das Hören</strong> für die Perkussion (Klopfschall) und die Auskultation (Abhorchen mit dem Stethoskop)<br />
<strong>das Riechen </strong>für die Wahrnehmung von Ausdünstungen einer Unterzuckerung bis hin zum Fäulnisgestank eines Furunkels<br />
(der Geschmackssinn entfällt heutzutage, früher wurde der Urin von den Ärzten abgeschmeckt. Der süße Geschmack bewies beispielsweise das Vorliegen einer Zuckerkrankheit.)<br />
<strong>Technische Untersuchungen</strong><br />
Sollte es an dieser Stelle nötig sein, folgen vielfältige Untersuchungsmethoden. Von der Blutuntersuchung bis zum Röntgen, vom Ultraschall bis zur Spiegelung reichen ungezählte diagnostische Mittel und Eingriffe.<br />
Die gesamte Prozedur der Diagnosestellung kann unterschiedlich viel Zeit kosten. Das reicht von einer Sekunde bis zu Tagen, Wochen und Monaten<br />
<strong>Die Blickdiagnose</strong><br />
Kommt eine Kind ins Sprechzimmer, mit laufender Nase und tränenden Augen, dazu das Gesicht übersät mit Bläschen, Krusten und Kratzspuren, die auch an den Händen zu sehen sind, ist die Diagnose mit einem Blick gestellt. Das Kind hat Windpocken. Nachfragen und Untersuchungen bestätigen die Diagnose nur. So etwas nennt man eine Blickdiagnose.<br />
<strong>Die Fahndung nach einer Diagnose</strong><br />
Das Gegenteil von einer Blickdiagnose ist das Suchen nach und Ringen um eine Diagnose. Der Patient bietet möglicherweise eine Menge teils präziser, teils unklarer Beschwerden und Symptome, nichts passt zusammen und die normalen Untersuchungen bringen kein Ergebnis. Ist der Leidensdruck des Patienten und die Bedeutung der Symptome groß genug, geht man auf die Suche. Umgangssprachlich heißt das, der Patient wird auf den Kopf gestellt. So eine detektivische Arbeit kann unterschiedlich lange dauern und Fahrten von Facharzt zu Facharzt nach sich ziehen oder gar einen Krankenhausaufenthalt.<br />
<strong>Wie zäh so etwas sein kann und wohin die Suche nach einer Diagnose heutzutage führen kann, folgt im nächsten Artikel.</strong></p>
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		<title>Dr. Kunze hört (nicht) auf 19</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jan 2010 15:41:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Kolumne des Monats]]></category>

		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>

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		<description><![CDATA[Januar 2010
Praxisalltag und Weltanschauung
Hausarzt Dr. Kunze ging im Verbandsraum einer seiner „Lieblingsbeschäftigungen“ nach: Er pulte einen Ohrstecker aus dem Ohrläppchen eines dreijährigen Mädchens. Das Kind brüllte wie am Spieß. Kein Wunder. Der rückwärtige Verschluss war vollkommen unter der Haut verschwunden. Entsprechend musste Dr. Kunze die eitrige Wunde mit der Pinzette ein wenig spreizen und gleichzeitig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #0000ff;">Januar 2010</span><br />
<strong>Praxisalltag und Weltanschauung</strong><br />
Hausarzt Dr. Kunze ging im Verbandsraum einer seiner „Lieblingsbeschäftigungen“ nach: Er pulte einen Ohrstecker aus dem Ohrläppchen eines dreijährigen Mädchens. Das Kind brüllte wie am Spieß. Kein Wunder. Der rückwärtige Verschluss war vollkommen unter der Haut verschwunden. Entsprechend musste Dr. Kunze die eitrige Wunde mit der Pinzette ein wenig spreizen und gleichzeitig von vorn gegen das Ohrläppchen drücken. Christine hielt den Kopf und die Oberarme des Mädchens, die Mutter die Beine, so gut sie konnte.<br />
Der Clip quoll aus dem Eiter hervor. Mit einer Fremdkörperzange zog der Arzt ihn ab. Danach ließ sich der Ohrstecker auf der Vorderseite aus dem Ohrläppchen ziehen. Es war geschafft. Das kleine Mädchen wollte weg von dem bösen Mann, in die Arme der Mutter. Die blickte ihrerseits nicht besonders freundlich. Mitfühlend streichelte sie über den Kopf ihres Kindes, drückte es an sich und flüsterte mit kaum verborgenem Vorwurf:<span id="more-244"></span><br />
„Hätte man nicht eine Betäubung machen können? Musste sich die Kleine so quälen!“<br />
„In eine eitrige Infektion hinein darf keine örtliche Betäubung gespritzt werden. Außerdem wäre eine Betäubungsspritze mindestens ebenso schmerzhaft gewesen wie die ganze Aktion an sich. Eine Vollnarkose wäre die Alternative gewesen, allerdings…“<br />
Dr. med. Anselm Kunze verstummte. Was ihm auf der Zunge lag, war der Vorschlag, wie solche ärztlichen Maßnahmen ganz und gar zu vermeiden waren, zumal bei dreijährigen Kindern. Er verkniff sich die Bemerkung. Stattdessen strich er eine desinfizierende Salbe auf die Wunde, legte eine Kompresse darüber und klebte sie vorsichtig fest. Das kleine Mädchen schrie auf.<br />
„Vorsichtig! Sie tun ihr ja weh!“ Die Mutter war den Tränen nahe.<br />
Dr. Kunze war zeitlebens ein ruhiger Mensch, aber manchmal hatte er das Gefühl, sich wehren zu müssen.<br />
„Apropos, Vorsicht! Wenn wir schon dabei sind: Dieses Ohr ist für einen Ohrring, Piercings und dergleichen für die nächsten Jahre nicht zu gebrauchen. Die Gefahr einer chronischen Knorpelentzündung ist zu groß. Zum Thema Vorsicht noch eines: Dem Kind hätte dieser kleine Eingriff komplett erspart werden können, wenn es nicht zuvor eine vollkommen überflüssige Operation hätte erleiden müssen.“<br />
„Mein Kind ist nicht überflüssig operiert worden.“<br />
„Und ob! Ihm ist eine Operationswunde zur Einbringung eines Fremdkörpers zugefügt worden.“<br />
„Wann?“<br />
Die Mutter begriff nicht.<br />
„Ich weiß nicht, wann. Das müssen Sie wissen, wann die Kleine ihre Ohrlöcher bekommen hat. Gleichwie, ich möchte die Wunde übermorgen kontrollieren. Heute im Verlauf des Tages kann ihre Tochter noch ein oder zwei Schmerzzäpfchen nötig haben. Haben Sie noch welche?“<br />
„Mit Zäpfchen brauchen Sie Kathleen nicht zu kommen. Schreiben Sie bitte Saft auf.“<br />
Hausarzt Dr. Anselm Kunze ärgerte sich über den Streit mit der Mutter der kleinen Patientin, den er vom Zaun gebrochen hatte. Er ärgerte sich, dass er nicht einfach seinen Mund gehalten hatte. Jetzt lag ihm der nächste Kommentar zum Thema „Zäpfchen nimmt mein Kind nicht“ auf den Lippen. Das Kind war drei Jahre alt. Diese Art Gespräche ließen sich beliebig ausweiten: „Den Saft mag mein Kind nicht“, „Da können Sie sich auf den Kopf stellen, das Pulver trinkt mein Kind nicht“, „Da können Sie meinem Kind nichts vormachen, die Tropfen schmeckt es raus“ und so weiter und so fort. Lag es an seinem Alter, dass ihn solche Aussagen reizten? War das Zeitgeist und hatte man das als alternder Mensch und Arzt zu akzeptieren? War das ein Zeichen von Altersstarrsinn, wenn man nicht akzeptierte? Oder war es auch in dieser modernen Zeit objektiv falsch, sich am Gängelband des Nachwuchses führen zu lassen?<br />
Anselm Kunze mochte diesen Umgang mit Kindern nicht. In Notzeiten – und Zeiten von Krankheit zählten für ihn dazu – musste es möglich sein, den Nachwuchs zu führen. Für eine optimale medizinische Hilfe war das wichtig. Seiner Meinung nach war es vor allem Bequemlichkeit der Eltern und nicht deren Weltanschauung, wenn Sie den Widerständen ihrer Kleinen allzu bereitwillig nachgaben. Sicher, man konnte sich darüber unterhalten, ob dieser oder jene medizinische Einsatz notwendig war, aber wenn die Erwachsenen entschieden hatten, musste das ohne einen Einwand der Kinder, zumal dreijähriger, durchsetzbar sein. Denn, und das war die Crux, nicht immer ging es um Schnupfen oder eitrige Wunden, gelegentlich ging es um mehr. Er hatte schon Kinder ins Krankenhaus einweisen müssen, weil sie ein Antibiotikum nicht hatten einnehmen wollen und die Eltern sich nicht durchsetzen konnten.<br />
Noch viel weniger mochte Anselm Kunze, wenn er sich dabei erwischte, wie er sich selbst die heimliche Frage stellte, was aus dieser Welt noch werden sollte. Diese verbrieft mehr als zweitausend Jahre alte Angst, die Welt in die Hände der Jüngeren zu geben, trieb schon Sokrates um. Sie war ein Armutszeugnis viel mehr für die Alten als für die Jungen. Also rezeptierte er kommentarlos den Saft statt der Zäpfchen.<br />
Hausarzt Dr. Kunze wechselte das Sprechzimmer und begrüßte Gerhard Krone, Filialleiter seiner Hausbank, ein guter Bekannter und Patient.  Gerhard Krone und Anselm Kunze waren Männer im gleichen Alter, aber der Bankkaufmann wirkte dynamischer und voller Leben, gelegentlich war allerdings auch das Gegenteil der Fall. Anselm Kunzes Gefühlswelt glich einem Plateau, manchmal beneidete er Gerhard Krone um dessen Höhen, natürlich nicht um seine Tiefen und keinesfalls um seine Leibesfülle.<br />
„Anselm, du musst mir helfen. Bei mir ist eine Grippe im Anmarsch und in drei Tagen fliegen Traudl und ich in die Domrep.  Ich brauche ein Antibiotika. Du weißt doch, dieses Zeug da, was sogar die Bundesregierung einlagert, wenn die Schweine- oder Vogelgrippe droht!“<br />
Gerd Krone lachte aufgeräumt, schwärmte wortreich vom bevorstehenden Tauchurlaub in der Karibik und den abendlichen Genüssen, was Meeresfrüchte und Cocktails betraf. Hausarzt Dr. Kunze lehnte sich zurück und atmete tief durch.<br />
Das Anliegen seines Freundes war haarsträubend. Was machte die moderne Kommunikation nur aus dieser Welt? Da saß ein gebildeter Mann vor ihm, der in seinem Beruf einiges erreicht hatte und redete medizinisch gesehen kompletten Unsinn, bei obendrein fragwürdiger Lebenseinstellung. <em>Eine Grippe war im Anmarsch</em>. Was er meinte, war eine Erkältung mit Schnupfen, Halsschmerzen und möglicherweise Husten. Das war allenfalls ein grippeähnlicher Infekt, von einer echten Grippe konnte keine Rede sein. Für deren „Anmarsch“ gab es nicht den Hauch eines Verdachts. Eine Grippe war ein heftiger Infekt mit schlagartig heftigen Symptomen. Eine Grippe haute einen sozusagen um. Aber der Freund saß reichlich munter vor ihm. Sei es drum, dachte der Hausarzt, so sprach der Volksmund.<br />
Dann war da noch die Ansicht, die Medizin könnte innerhalb von drei Tagen etwas gegen eine drohende oder bereits manifeste Erkältung, Grippe oder dergleichen ausrichten. In diesem Punkt galt, entgegen aller Meldungen in Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet, noch immer die alte Wahrheit, dass eine Erkältung mit ärztlicher Behandlung eine Woche dauerte und ohne sieben Tage. Was eine echte Grippe betraf, machten sich die Leute nicht klar, dass deren Auswirkungen über Monate andauern konnten.<br />
Ein Antibiotika. Das war wie „ein Häuser“ oder „ein Autos“. Die Einzahl von Antibiotika war und blieb Antibiotik<strong>um</strong>, aber vielleicht gehörte das auch in den Bereich von Besserwisserei, einer der Lieblingscharakterzüge von Ärzten und so klugen Menschen wie Bastian Sick, der behauptete, dass der Dativ dem Genitiv sein Tod sei. Dann war da noch das „Zeug“ gegen Schweine- und Vogelgrippe, was die Bundesregierung für den Fall einer Grippeepidemie einlagerte. Tamiflu hieß das Mittel und war weder ein Antibiotika, noch ein Antibiotikum, sondern ein Virustatikum, also eine Mittel gegen Virusinfektionen, nicht gegen bakterielle Entzündungen. Als Virustatikum besaß es eine gewisse Berechtigung im Kampf gegen Viren, also auch gegen Grippeviren. Allerdings galt das, wenn überhaupt, nur im Falle der korrekten Einnahme und die begann am Tag der ersten Symptome, besser noch einen Tag vor der Infektion, was grundsätzlich eher einer Hoffnung entsprach als Wissen. Im Falle von Gerhard Krone war die Einnahme dieses Mittels kompletter Unsinn, zumal mit einigen Nebenwirkungen verbunden.<br />
Vom Medizinischen ganz abgesehen verkniff sich Anselm Kunze hörbare Gedanken zu Kürzeln wie <em>Malle</em> für Mallorca und <em>Domrep</em> für die Dominikanische Republik. Sein Wartezimmer war voll besetzt und außerdem war das ganz bestimmt Besserwisserei.<br />
Der Hausarzt tippte auf seiner Tastatur eine Rezeptur und legte ein Privatrezept in den Druckerschacht. Gerhard Krone erzählte weiter von Korallen und Langusten. Schließlich druckte der hausärztliche Freund das Rezept aus, unterschrieb es und reichte es seinem Gegenüber.<br />
„Hier! Steht alles drauf, Gerd. Ich wünsche euch einen tollen Urlaub. Grüß Traudl herzlich von mir.“<br />
„Ich danke dir, mein Freund. Schöne Grüße auch an deine Frau. Ich erzähl dir hinterher mal, wie es war. Ciao.“<br />
Und weg war Filialleiter Gerhard Krone mit italienischem Gruß in Richtung spanischsprachiges Land. – Nicht ganz. – Sein Kopf tauchte noch einmal in der Tür auf. Das Rezept flatterte im Türspalt.<br />
„Was soll das heißen? ‚Drei Tage ruhen. Früh schlafen gehen. Vitaminreiche Kost. Viel trinken, aber auf Alkohol verzichten. Vor allem – nicht rauchen! Bei Bedarf eine Aspirin. Die ersten Tage in der Dominikanischen Republik ruhig angehen lassen.‘ Mehr hast du nicht zu bieten? Ich dachte, du…“<br />
„Das ist alles, was du brauchst, glaub mir und vor allem – das ist alles, was es gibt. Auch wenn man anderes liest und hört.“<br />
„Aber…“<br />
„Schöne Reise wünsche ich euch.“<br />
„Du bist unmöglich.“<br />
„Wie lange schon?“<br />
„Schon immer.“<br />
„Warum wechselst du nicht deinen Hausarzt?“<br />
„So unmöglich bist du nun auch wieder nicht.“<br />
Gerhard Krone zwinkerte ihm zu und fügte mit theatralisch erhobener Faust hinzu:<br />
„Mach’s gut, Desperado. Kämpfe weiter für eine bessere Welt. Ich gönne mir derweil einen <em>Cuba libre </em>und trinke auf dich.“<br />
Anselm Kunze lachte und ballte ebenfalls die Faust, schwenkte sie in Richtung seines Freundes, so dass dieser mit gespielter Angst verschwand.<br />
<em>Cuba libre</em> – freies Kuba, ein Cocktail zu Ehren der Befreiung Kubas von Spanien. Das war nicht unpassend, immerhin lag Kuba nicht weit von der Dominikanischen Republik entfernt. Allerdings befreite sich Kuba von Spanien zum Preis der Unterwerfung unter die USA, deswegen hieß dieser Drink auch gelegentlich <em>Mentirita</em> – die kleine Lüge.<br />
Dr. Kunze schüttelte den Kopf. Ja, ja, er war Arzt und – Besserwisser.</p>
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		<title>Chronik eines angekündigten Freitodes 6</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jan 2010 14:58:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[der Online-Hausarzt]]></category>

		<category><![CDATA[Freitod]]></category>

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		<description><![CDATA[Nachtrag
Zehn Tage nachdem ich zum letzten Mal von Walter Gensch gehört hatte, erfuhr ich von seinem Tod. Auf dem kleinen Pult, auf dem ich Wiederholungsrezepte oder Überweisungen unterschreibe, haftete ein Klebezettel. Ich erkannte die Schrift einer meiner Helferinnen. Sie hatte ein Kreuz gezeichnet, ein Datum daneben geschrieben, das drei Tage zurücklag und den Namen von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nachtrag</strong><br />
Zehn Tage nachdem ich zum letzten Mal von Walter Gensch gehört hatte, erfuhr ich von seinem Tod. Auf dem kleinen Pult, auf dem ich Wiederholungsrezepte oder Überweisungen unterschreibe, haftete ein Klebezettel. Ich erkannte die Schrift einer meiner Helferinnen. Sie hatte ein Kreuz gezeichnet, ein Datum daneben geschrieben, das drei Tage zurücklag und den Namen von Walter Gensch notiert, in Klammern darunter  stand: Tel. Tochter.<br />
Das war‘s also, dachte ich. Die Tochter vermeldet den Tod ihres Vaters und lässt mir die Nachricht ausrichten. Ein wenig enttäuscht war ich schon. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber sicher ein bisschen mehr als das. Eine Woche später bestand wohl auch auf der anderen Seite das Bedürfnis nach mehr.<br />
<strong>Abschließendes Telefonat</strong><br />
Gut zwei Wochen nach dem organisierten Freitod meines Patienten erhielt ich einen Anruf von Monika Müller, geborene Gensch. Sie wollte mir etwas näher berichten, wie die letzten Tage mit ihrem Vater verlaufen waren. Mit trauriger Stimme vergewisserte sich die Frau am anderen Ende der Leitung, dass sie mich mit ihrem Anliegen nicht störte.<span id="more-243"></span><br />
„Keineswegs,“ antwortete ich, „ich bin froh, dass Sie anrufen. Das Ende wäre sonst seltsam abrupt.“<br />
„Ja, das empfinde ich auch so: Außerdem habe ich, ehrlich gesagt, das Bedürfnis mit jemandem zu reden, der meine Gedanken nachvollziehen kann. Ich bin zwar nicht ihre Patientin, aber vielleicht haben sie zehn Minuten Zeit.“<br />
Das hatte ich. Allein schon, um diese Angelegenheit für mich abzurunden, war mir das Telefonat wichtig.<br />
Was folgte war eine kurze Zusammenfassung der letzten Tage im Leben von Walter Gensch. Während mir Tochter Monika am Telefon berichtete und kaum ihre Tränen im Zaum halten konnte, versuchte ich mich in die Situation hineinzuversetzen, von der sie erzählte.<br />
Es begann mit der Zugfahrt. Eine Zugfahrt in den Tod.<br />
<strong>Letzte Reise</strong><br />
Selbst, wenn man vollkommen entschlossen ist zu sterben und der Begleiter einen in jeder Hinsicht unterstützt, muss das eine zutiefst seltsame und traurige Fahrt gewesen sein. Dazu dauerte sie über viele Stunden, vom Norden Deutschlands bis nach Zürich ist es kein Katzensprung.<br />
Es folgten drei Tage im Hotel vor Ort in der Schweiz. Weil noch einige Formalien zu erledigen waren und ein genauer Termin gesetzt werden musste, lag dieser Zeitraum zwischen Ankunft und Endpunkt der Reise. Drei Tage.<br />
„Was macht man in diesen drei Tagen? Was macht man in solchen drei Tagen?“ fragte mich die Tochter am Telefon. Ich wusste es nicht und blieb stumm. Stadtbummel, Museumsbesichtigungen, Theaterbesuch, all das wird wohl kaum in Frage gekommen sein. Sie fuhr fort:<br />
„Ich weiß nicht, was <em>man</em> macht. Ich weiß nur, was wir gemacht haben. Wir haben viel geweint.“<br />
Monika Müller weinte wieder. Sie führte die teils schönen, teils skurrilen und makabren letzten Stunden mit ihrem Vater noch ein wenig aus. Noch ergreifender als ihr Weinen waren ihre tapferen Versuche nicht zu weinen.<br />
Ihren letzten Satz werde ich nie vergessen.<br />
<strong>Bitteres Fazit</strong><br />
„So eine Reise wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.“<br />
Dieses bittere Fazit wird meine Beratung lenken, wenn ich jemals wieder in einem solchen Fall zu beraten habe. Die Worte erinnern an die riesige Kluft zwischen Theorie und Praxis, gerade wenn es um das Thema „Selbstbestimmtes Sterben“ geht. Die Worte haben schon den Tenor dieser Artikelserie gelenkt, denn eigentlich bin ich ein Verfechter von Selbstbestimmung jeder Art.<br />
Aber auch die andere Seite muss gesehen werden. Das Sterben in der Gegenwart ist häufig lang und wenig würdevoll. Für die Zukunft steht zu befürchten, dass es länger und unwürdiger wird.<br />
Geschwiegen wurde lange genug. Wir werden darüber reden müssen.</p>
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		<title>Chronik eines angekündigten Freitodes 5</title>
		<link>http://www.der-andere-hausarzt.de/2010/01/hausarzt-8/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Jan 2010 13:21:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[der Online-Hausarzt]]></category>

		<category><![CDATA[Freitod]]></category>

		<category><![CDATA[Hausarzt]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Ende
Bis zum Tag der  vorgesehenen Abreise war die Angelegenheit Freitod für Walter Gensch zu einem ausgewachsenen Verwaltungsakt geworden. Anträge mussten gestellt, ein lebenslaufartiger Aufsatz geschrieben, Überweisungen getätigt werden, neben meinen Bescheinigungen wurden psychiatrische Gutachten angefordert. Mehrfach war die Rede davon, dass sich die Schweizer Firma gegenüber der Schweizer Regierung und der Öffentlichkeit absichern müsste. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Ende</strong><br />
Bis zum Tag der  vorgesehenen Abreise war die Angelegenheit Freitod für Walter Gensch zu einem ausgewachsenen Verwaltungsakt geworden. Anträge mussten gestellt, ein lebenslaufartiger Aufsatz geschrieben, Überweisungen getätigt werden, neben meinen Bescheinigungen wurden psychiatrische Gutachten angefordert. Mehrfach war die Rede davon, dass sich die Schweizer Firma gegenüber der Schweizer Regierung und der Öffentlichkeit absichern müsste. Manchmal fragte ich mich, wer die größeren Probleme hatte, der Sterbewillige oder die Sterbehelfer. Mit Pietät hatte das meiner Meinung nach wenig zu tun.<br />
<strong>Gesundheitliche Sorgen</strong><br />
Die Abreise in die Schweiz wurde schließlich wegen einer Erkältung des Patienten verschoben. Husten, Fieber und Kopfschmerz machten den Patienten reiseunfähig. Tochter Monika, inzwischen als Begleitung angereist, machte sich Sorgen um ihren Vater. Sie befürchtete eine Lungenentzündung und bat um einen Hausbesuch. „Befürchten“ empfand ich in diesem Zusammenhang als eine eher skurrile Wortwahl, spiegelt andererseits die Unsicherheit. Eine Lungenentzündung hätte eine Chance auf passive Sterbehilfe geboten, aber dazu schwieg ich.<span id="more-242"></span><br />
Im Rahmen meines Hausbesuches untersuchte ich meinen langjährigen Patienten, stellte die Diagnose einer fieberhaften Bronchitis und verschrieb Medikamente, inklusive Antibiotika. Die Einlösung des Rezepts beziehungsweise die Einnahme der Medikamente stellte ich frei. Patient und Tochter sahen mich fragend an und mein Antwortblick war sicher eine einzige Gegenfrage, denn alle drei schwiegen wir.<br />
<strong>Wiederholte Abschiede</strong><br />
Ich wusste nicht, ob ich mich nun meinerseits endgültig von meinem Patienten zu verabschieden hatte. Falls er keine Kontrolluntersuchung von mir wünschte, was in diesem Zusammenhang denkbar war, würde er einfach losfahren, wenn er wieder reisefähig war. Ob er in diesem Zustand und zu diesem Zwecke reisefähig war oder nicht, grenzte für mich an eine philosophische Frage. Zugegeben, der Patient fühlte sich nicht wohl und eine Auto- oder Zugfahrt in die Schweiz wäre eine Strapaze gewesen. Der wesentliche Punkt, der sonst in einer ähnlichen Situation die Reisefähigkeit einschränkte, entfiel in diesem Fall: Eine Reise hätte die Krankheit verschlimmern können, und man hätte mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Aber war das Schlimmste in diesem Fall das Schlimmste oder das Erhoffte?<br />
<strong>Endgültiger Abschied</strong><br />
Ich verabschiedete mich und kündigte eine Kontrolluntersuchung in fünf Tagen an. Diese Form ließ alles offen. Und tatsächlich sah ich meinen Patienten Walter Gensch nie wieder.<br />
Drei Tage später war er soweit hergestellt, dass er mit seiner älteren Tochter Monika in die Schweiz fuhr. Die jüngere Tochter Lisa war zwar inzwischen eingeweiht, machte dem Vater auch keine Vorwürfe mehr, wie sie es anfangs getan hatte, wollte aber auf keinen Fall mit in die Schweiz fahren.<br />
Beide Töchter reagierten auf ihre Weise.  Jede der vier in den Freitod von Walter Gensch einbezogenen Personen reagierte auf eigene Weise, alle Reaktionen waren verständlich und nachvollziehbar. Das machte die Angelegenheit so schwierig.<br />
<strong>Die Beteiligten</strong><br />
<strong> Person Nummer eins</strong> war Walter Gensch. Er wollte einfach nur sterben. Das war verständlich. Andererseits war er nicht dafür geschaffen, selbst Hand an sich zu legen, das war verständlich. Er suchte sein Heil in einer kommerziellen Schweizer Firma, verständlich. Er entwickelte Zweifel auf seinem Weg, sehr verständlich.<br />
<strong> Person Nummer zwei</strong> war Tochter Monika. Sie war die ältere von beiden Töchtern. Sie verstand die Todessehnsucht ihres Vaters und wollte, was er wollte. Sie begleitete ihn in die Schweiz. Alles sehr verständlich und nachvollziehbar. Tochter Monika würde sich zwei weitere Wochen später noch meine Hochachtung verdienen.<br />
<strong> Person Nummer drei</strong> war Tochter Lisa. Die jüngere der beiden Töchter war von Anfang an verschreckt vom Sterbewunsch ihres Vaters. Verständlich. Sie ergab sich aber schließlich den Wünschen des Vater, weil er und nicht sie die wichtigste Person in diesem Drama war und, weil sie keinen letzten Streit mit Vater und Schwester wollte. Anerkennenswert. Aber sie fühlte sich nicht in der Lage mit in die Schweiz zu fahren. Verständlich.<br />
<strong> Person Nummer vier</strong> war ich, der Hausarzt. Ein Arzt ist einer solchen Situation besonders als Berater und Begleiter herausgefordert. Aber er hat sich selbst zurückzustellen, denn er ist nicht wichtig. Trotzdem ist ein Arzt ein Mensch, zumal ein Hausarzt. Ob der Leser es glauben mag oder nicht, am Ende hat mich die Nachricht vom Tode Walter Gensch sehr berührt.</p>
<p>Walter Gensch ist also tot. Er starb kurz vor Weihnachten 2009 in der Schweiz.<br />
Aber, die inzwischen Jahre währende Geschichte seines Freitodes ist damit nicht zu Ende. Ein emotional sehr berührendes Kapitel lag noch vor mir. Es ist nicht mehr lang, aber es ist mir so wichtig, dass es einen eigenen Artikel bekommen soll.</p>
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