25
Jan

Chronik eines angekündigten Freitodes 6

categories der Online-Hausarzt    

Nachtrag
Zehn Tage nachdem ich zum letzten Mal von Walter Gensch gehört hatte, erfuhr ich von seinem Tod. Auf dem kleinen Pult, auf dem ich Wiederholungsrezepte oder Überweisungen unterschreibe, haftete ein Klebezettel. Ich erkannte die Schrift einer meiner Helferinnen. Sie hatte ein Kreuz gezeichnet, ein Datum daneben geschrieben, das drei Tage zurücklag und den Namen von Walter Gensch notiert, in Klammern darunter stand: Tel. Tochter.
Das war‘s also, dachte ich. Die Tochter vermeldet den Tod ihres Vaters und lässt mir die Nachricht ausrichten. Ein wenig enttäuscht war ich schon. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber sicher ein bisschen mehr als das. Eine Woche später bestand wohl auch auf der anderen Seite das Bedürfnis nach mehr.
Abschließendes Telefonat
Gut zwei Wochen nach dem organisierten Freitod meines Patienten erhielt ich einen Anruf von Monika Müller, geborene Gensch. Sie wollte mir etwas näher berichten, wie die letzten Tage mit ihrem Vater verlaufen waren. Mit trauriger Stimme vergewisserte sich die Frau am anderen Ende der Leitung, dass sie mich mit ihrem Anliegen nicht störte. weiterlesen

21
Jan

Chronik eines angekündigten Freitodes 5

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Das Ende
Bis zum Tag der  vorgesehenen Abreise war die Angelegenheit Freitod für Walter Gensch zu einem ausgewachsenen Verwaltungsakt geworden. Anträge mussten gestellt, ein lebenslaufartiger Aufsatz geschrieben, Überweisungen getätigt werden, neben meinen Bescheinigungen wurden psychiatrische Gutachten angefordert. Mehrfach war die Rede davon, dass sich die Schweizer Firma gegenüber der Schweizer Regierung und der Öffentlichkeit absichern müsste. Manchmal fragte ich mich, wer die größeren Probleme hatte, der Sterbewillige oder die Sterbehelfer. Mit Pietät hatte das meiner Meinung nach wenig zu tun.
Gesundheitliche Sorgen
Die Abreise in die Schweiz wurde schließlich wegen einer Erkältung des Patienten verschoben. Husten, Fieber und Kopfschmerz machten den Patienten reiseunfähig. Tochter Monika, inzwischen als Begleitung angereist, machte sich Sorgen um ihren Vater. Sie befürchtete eine Lungenentzündung und bat um einen Hausbesuch. „Befürchten“ empfand ich in diesem Zusammenhang als eine eher skurrile Wortwahl, spiegelt andererseits die Unsicherheit. Eine Lungenentzündung hätte eine Chance auf passive Sterbehilfe geboten, aber dazu schwieg ich. weiterlesen

15
Jan

Chronik eines angekündigten Freitodes 4

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Teil 4 Organisiertes Sterben
Walter Gensch durchschaute mich und lehnte meinen Vorschlag ab. Er tat das sogar mit einem verschmitzten Lächeln, wie ich es schon lange nicht mehr bei ihm gesehen hatte und meinte: „Guter Versuch.“
Er war jetzt entschlossen zu sterben. Kurz vor Weihnachten 2008 eröffnete er mir, dass er alles Nötige in die Wege geleitet habe. Er käme nur noch einmal, um sich von mir zu verabschieden. Er dankte mir für die Fürsorge und für die jahrelange Begleitung, auch im Namen seiner Ehefrau. Ein paar Tränen liefen ihm übers Gesicht, aber er wischte sie schnell beiseite und richtete sich auf.
Ich schluckte und wollte Näheres wissen. Er erzählte mir von einem Schweizer Unternehmen, das sich rührend um Menschen wie ihn kümmerte, für die sonst niemand bereit war, etwas zu tun. In der Schweiz würde er eine Spritze bekommen und die würde ihn endlich sterben lassen. weiterlesen

11
Jan

Chronik eines angekündigten Freitodes 3

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Teil 3 Der Suizidversuch
(Teil 1 bitte hier klicken, Teil 2 hier)
Ich hatte Walter Gensch ein Notrufsystem aufschwatzen können, bei dem er sich jeden Morgen telefonisch zu melden hatte. Rief er nicht an, fuhr jemand vom ambulanten Pflegedienst zu ihm und öffnete mit einem zu diesem Zweck deponierten Schlüssel, seine Wohnung und sah nach ihm.
So wurde Walter Gensch gefunden. Er hatte etwa dreißig Schlaftabletten auf einmal genommen, nicht ahnend, dass ich ihm eine Medizin verschrieben hatte, mit der es praktisch nicht möglich war, sich selbst zu töten. Dazu hatte er selbst den Zeitpunkt der Einnahme mit sieben Uhr morgens gewählt, um acht Uhr war sein Kontrollanruf fällig. Wollte Walter Gensch wirklich nicht mehr leben oder wollte er demonstrieren wie schlecht es ihm ging? Die Frage war für mich als Hausarzt schwer zu beantworten, spielte aber zunächst keine wichtige Rolle. weiterlesen

5
Jan

Chronik eines angekündigten Freitodes 2

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Teil 2 Der Anfang vom Ende
(wenn Sie Teil 1 Vorbemerkung lesen möchten, bitte hier klicken)
Walter Gensch war 81 Jahre alt als er im Frühjahr 2006 seine Frau verlor. Das Ehepaar Gensch lebte bis dahin in der typisch symbiotischen Gemeinschaft vieler älterer Leute, die im Alter noch ihren Wohnort wechseln. Sie waren auf sich allein gestellt und ließen selbst wenig Kontakt nach außen zu. Zudem hatten sie ständig das Gefühl als Zugereiste angesehen zu werden, die nicht in die Kleinstadt gehörten, in der sie nun lebten. Obwohl sie seit 15 Jahren dort wohnten.
Andererseits waren sie sich selbst genug. Alle ehemaligen Freunde und Bekannten lebten in Hamburg und waren, wie sie selbst, nicht mehr mobil genug, sich noch gegenseitig zu besuchen, oder es fehlte am nötigen Elan. Die beiden Töchter des Ehepaares Gensch lebten in eigenen Familien, jeweils über dreihundert Kilometer entfernt. Sie besuchten ihre Eltern mit einer Frequenz von etwa sechs Besuchen im Jahr, was immer mit zeitlichem und organisatorischem Aufwand verbunden war. weiterlesen

30
Dez

Chronik eines angekündigten Freitodes 1

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Die Artikelserie Chronik eines angekündigten Freitodes beschäftigt sich mit dem Thema Selbstbestimmtes Sterben im Hochalter.

Der andere Hausarzt hat sich mit diesem schwierigen Kapitel der Medizin in den letzten Wochen und Monaten intensiv befassen müssen. Der wahre Fall eines Patienten hat aufgezeigt, wie weit Theorie und Praxis voneinander entfernt sein können und welche Schwierigkeiten diese Entfernung birgt. Der Fall ist so interessant und so erschütternd zugleich, dass ich ihn ausführlich schildere. Die realen Personen werden selbstverständlich durch Änderung der Charaktere und der Namen geschützt. Die Geschichte selbst verliert dadurch nicht an Wahrheit. weiterlesen

8
Nov

In eigener Sache

categories der Online-Hausarzt    

Das Thema Impfung gegen Schweinegrippe ist keine Einbahnstraße, weder in die eine noch in die andere Richtung.
Es gibt inzwischen so viele Stellungnahmen zu meinen Artikeln und zum Thema Schweinegrippe überhaupt, dass ich an dieser Stelle schreiben will, wie ich als Hausarzt mit der Impfung in der Praxis umgehe. Da inzwischen doch einige meiner Patienten diese Seite lesen, schreibe ich diesen Text vor allem gegen deren Verunsicherung. Ich möchte nicht, dass meine Kritik an der Impfung bzw. an dem Drum und Dran mit vorbehaltlosem Verdammen der Impfung in einen Topf geworfen wird. Dafür trage ich als Hausarzt viel zu viel Verantwortung, aber eben in beide Richtungen. weiterlesen

27
Dez

Die elektronische Gesundheitskarte

categories Aktuelles, der Online-Hausarzt    

Ab 2009 wird nach und nach in ganz Deutschland die elektronische Gesundheitskarte eingeführt. Auf ihrem Chip werden alle wesentlichen Informationen der Versicherten (Patienten) abgespeichert, inklusive medizinischer Details.
Die Meinung eines Hausarztes
Als Hausarzt spürt man, wie überall im Leben, dass die Moderne Einzug hält. Oft genug profitieren wir alle davon. Aber in letzter Zeit hören wir immerwieder von Datenskandalen, von denen wir uns eigentlich alle hätten denken können, dass es sie gibt. Schließlich haben wir alle immerwieder seltsame Post im realen wie im elektronischen Briefkasten. Was machbar ist, wird gemacht. Was zu verkaufen ist, wird verkauft. Also auch Adressen, persönliche Daten und demnächst medizinische Details. Moral? Es gibt selbstverständlich eine Moral in unserer Gesellschaft, die Moral des Einzelnen und die Moral von Vielen. Aber gibt es die Moral der Masse? weiterlesen

14
Nov

Was heißt eigentlich… IGeL?

categories Aktuelles, der Online-Hausarzt    

IGeL steht für „Individuelle Gesundheitsleistungen“.
Hinter dem wohlklingenden Kürzel mit der ebenso wohlklingenden Langversion verbirgt sich nichts anderes als die Möglichkeit für Ärzte, Kassenpatienten private Leistungen zu berechnen. Die offizielle Erklärung dafür lautet folgendermaßen:
Mit „Individuelle Gesundheitsleistungen“ sind Leistungen der Vorsorge- und Service-Medizin gemeint, die von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nicht bezahlt werden, da sie nicht zum Leistungskatalog der GKV gehören.
Solche Diagnose- und Behandlungsmethoden werden den Kassenpatienten zusätzlich angeboten und müssen bei Inanspruchnahme aus eigener Tasche bezahlt werden. weiterlesen

19
Sep

Ärzteprotest - Thema verfehlt!

categories Aktuelles, der Online-Hausarzt    

Heute ist Ärzteprotesttag in Berlin. Wenn man die Nachrichtenticker liest, wird man kaum eine Meldung darüber finden. Mich wundert das nicht. Viel wird dort nicht los sein. Denn die niedergelassenen Ärzte werden kaum wieder einmal ihre Praxis schließen, nur um sich den Anschein zu geben, dass 2.5 Milliarden Erhöhung des Honorartopfes ihnen immer noch nicht reichen.
Mir reicht es jedenfalls, aber in einem anderen Sinn. Zum ersten Mal nehme ich nicht an einer der Protestaktionen teil, obwohl sie keinen Deut von ihrer Notwendigkeit verloren haben. Aber! – mir als Hausarzt, und viele meiner Kollegen werden ebenso denken, geht es keineswegs allein um das Geld. Seit Wochen und Monaten hört man aber nichts anderes mehr aus der Politik, den Krankenkassen und von unseren verschiedenen Ärztevertretern.
Uns Ärzten an der Basis wäre etwas anderes noch viel wichtiger:
Die Entbürokratisierung der Hausarztpraxis.
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