Famulatur beim “anderen Hausarzt” 2

von Carolin Koch

Es ist soweit. Montag früh um halb acht rollt mein Koffer laut über das Pflaster einer kleinen Einkaufsstraße in Bad Bevensen. Nachdem ich mich zweimal verlaufen habe, stehe ich vor dem Praxisschild.

Hausarztzentrum Bad Bevensen

Ich bin total aufgeregt, gehe rein.

“Hallo, ich bin Caroline, die Famulantin”, stelle ich mich vor.

Zehn Minuten später laufe ich schon einer netten Arzthelferin hinterher, die mir total freundlich die ganze Praxis zeigt. Die weiße Kleidung fühlt sich fremd an. Ich habe das Gefühl über keinerlei medizinisches Wissen zu verfügen. Das ist vielleicht erst mal normal. Als wir beim letzten Raum angekommen sind, habe ich schon wieder vergessen, wo der Ausgang ist.

Im Laufe des Tages passiert so viel wie sonst in einer ganzen Uniwoche. Ich lerne den Großteil des Teams kennen, werde freundlich und warmherzig aufgenommen und sehe bereits etliche Patienten. Als ich abends aus der Praxis trete, habe ich das Gefühl, einen ziemlich guten Eindruck von der Arbeit bekommen zu haben. Wahnsinn, wie viele Patienten an einem Tag so eine Praxis durchlaufen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass immer genügend Zeit geblieben ist, wenn es nötig war. Nach Feierabend gehe ich noch gemeinsam mit meiner Gastfamilie zum Schwimmen.

Nach Sport und Abendessen beziehe ich ein wunderbares, gemütliches Zimmer. Ich bin so müde, dass ich kaum noch klar denken kann. Ich liege im Bett und die Eindrücke überrollen mich, Gesprächsfetzen tauchen auf, Bilder von Gesichtern, Händedrücke mit fremden Menschen, Gedanken über Schicksale… da ist so viel, was mich bewegt. Ich habe ein ziemlich gutes Bauchgefühl nach dem Tag, auch wenn er wahnsinnig anstrengend und aufregend war. Meine Heimat Magdeburg verschwimmt in meinen Gedanken, scheint wie aus einer fremden, fernen Welt. Wie lange bin ich schon hier? Während ich mich das frage, falle ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Ich laufe mit den Ärzten mit, höre bei Gesprächen zu, versuche mir die einzelnen Schritte und Feinheiten der körperlichen Untersuchungsmethoden ganz genau zu merken. Außerdem sehe im beim Ultraschall zu, darf Blut abnehmen und zu meiner Freude auch zu Hausbesuchen mitfahren. Beeindruckt bin ich jeden Abend wieder von der Vielfalt an Patienten, die ich am Tage sehe: vom Vorsorgecheck eines vier Monate alten Babys bis zu der Untersuchung einer 102-jährigen Frau. Dazwischen eine bunte Palette an Altersstufen und Charakteren. Es ist interessant zu erfahren, mit was für unterschiedlichen Beschwerden Menschen zum Arzt kommen, auf wie viele unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen man eingehen muss, mit wem man länger und intensiver reden muss und wem vielleicht eine kurze Antwort genügt.

Patienten kommen mit einem Papierausdruck von Internetseiten, reden von neusten Methoden, die noch nicht mal in Tierversuchen gesichert wurden und verlangen eine Behandlung mit dem neuen Wundermittel. Andere scheinen ihren Körper wie ein Produkt zu behandeln, das man in unserer kapitalistischen Gesellschaft eben mal schnell an der nächsten Ecke nachkaufen kann: Fünfzig Jahre Rauchen. Kein Sport. Ungesundes Essen. Keinerlei Problembewusstsein. Als mein Blick auf manche Blutwerte fällt, kann ich kaum glauben, wie man überhaupt noch so quicklebendig auf einem Stuhl sitzen kann. Die Normalwerte, die ich erst vor kurzem für meine Prüfung lernen musste, scheinen wie eine Fata Morgana. Bei einigen Patienten kann ich nicht fassen, warum sie erst so spät mit derart gravierenden Einschränkungen ihres Lebens den ärztlichen Rat suchen. Andere kenne ich nach ein paar Tagen schon mit Namen, weil sie mit ihren Wehwehchen so oft in die Praxis kommen.

In Teil 3 erfährt Carolin Koch, dass ihre neue Welt nicht nur voller neuer Eindrücke ist, sondern auch voller neuer Keime.