Das Impingement-Syndrom Teil I

Die Pflicht des untersuchenden Arztes

Immer häufiger hört man von „Schulterpatienten“, die beim Haus- oder Facharzt waren und nicht untersucht wurden, ja, denen nicht einmal richtig zugehört wurde.

Wie kann das sein?

Die Antwort ist ganz einfach:

Statt einer ausführlichen Befragung mit anschließender Untersuchung, erhält der Patient einen Überweisungsschein – zum MRT. Der konsultierte Arzt lässt also untersuchen, statt es selbst zu tun. Dabei muss die Magnetresonanztomografie (MRT, die „Röhre“) heutzutage immer häufiger als Ersatz für Augen, Ohren und Hände des Arztes herhalten. Diese Vorgehensweise ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

[Ausführliche Einzelheiten zu Sinn und Unsinn einer Untersuchung per MRT entnehmen Sie bitte meiner dreiteiligen Artikelserie „Einmal in die Röhre bitte!“, inklusive Begriffsklärung]

Ein Arzt, der sich dem Schulterschmerz annimmt, meistens ausgelöst durch ein Impingement, hat folgende Pflichten, die man genau an einer Hand abzählen kann:

1. fragen – nach der Leidensgeschichte, wie, wann, warum ist der Schulterschmerz entstanden

2. sehen – Betrachten des Gelenkes, sind Schwellungen, Verschmächtigungen oder Fehlstellungen zu erkennen

3. fühlen – sind Schwellungen, Überwärmung, Verschmächtigungen oder Fehlstellungen zu ertasten

4. drücken – gibt es spezielle Schmerzpunkte

5. bewegen – wie weit lässt sich das Schultergelenk bewegen, aktiv und passiv

Diese fünf Kriterien bringen in aller Regel genug Ergebnis, um eine (Verdachts-)Diagnose zu stellen und eine (vorläufige) Therapie einzuleiten. Sind nach Abschluss der Therapiemaßnahmen noch (Rest-)Beschwerden vorhanden, werden die Punkte 2. – 5. wiederholt.

Technische Hilfen durch Untersuchungsmethoden, wie Röntgen, Ultraschall oder MRT sind in aller Regel nicht notwendig. Im Gegenteil, ein zu früh erhobener MRT-Befund kann verwirren und in die falsche Richtung weisen, denn…

KEIN MENSCH IST WIE DER ANDERE!

Das Ergebnis eines MRTs, gleich welches Organ, welches Gelenk oder welcher Knochen untersucht wird, wird immer verglichen mit einer Ideal-Anatomie, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Schon der Medizinstudent im ersten Semester erfährt oder sollte erfahren, dass kein Mensch genau so aussieht, wie es in den Anatomie-Atlanten gezeichnet und beschrieben steht.

Bekommen wir Ärzte also im MRT-Befund eine Abweichung vom Normalen geliefert, heißt das noch lange nicht, dass dies der Grund für die geschilderten Beschwerden ist. Wie gesagt, den idealen Menschen gibt es nicht. Ganz und gar unbrauchbar ist die „Röhre“ für die Untersuchung der Funktion eines Gelenks. Noch gibt es keine Röhre, in der wir während der Untersuchung gehen, rennen, werfen, den Arm heben oder uns bücken können. Die Funktion eines Gelenkes muss mit Augen und Händen untersucht und je nach Ergebnis behandelt werden. Der diagnostische Wert eines MRT oder einer anderen technischen Untersuchung ist im Falle der Beweglichkeit gleich Null.

Ein MRT ist oft entbehrlich

Das MRT ist häufig eine Ersatzuntersuchung, Ersatz für Bequemlichkeit, Zeitmangel oder ein falsches Sicherheitsbedürfnis des Arztes. Dies alles sind Gründe, die dazu führen, dass der konsultierte Arzt sich nicht selbst an die Arbeit macht. Und denken Sie daran, liebe Patienten, in der Medizin geht es immer auch um Geld. Die Untersuchung per MRT ist ein nicht zu vernachlässigender Umsatzfaktor, den vor allem niedergelassene Radiologen nicht müde werden zu empfehlen. (Wenn Sie Autohändler sind, empfehlen Sie das neueste, schickste Modell und weisen Sie nicht darauf hin, wie gesund Fußmärsche und Radtouren sind oder wie umweltfreundlich öffentliche Verkehrsmittel.)

Mit ihren vielfältigen, oft bedeutungslosen Ergebnissen bieten MRTs eine besondere Gefahr. Sie verleiten zum Operieren. Man sieht sozusagen schwarz auf weiß, was angeblich für Beschwerden verantwortlich ist, und das soll weggeschnitten oder repariert werden. Aber so leicht ist die Sache oft nicht. Was ich zum Thema Operation des Schulterschmerzes denke, erfahren Sie hier.

Lesen Sie im nächsten Teil dieser Reihe von der Therapie des Impingement-Syndroms und den Pflichten des Patienten. Zu dumm, aber die gibt es leider auch.