Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (7)

Reden wir über Geld (2)

Der Hausarzt in Dorf A bekommt in etwa folgende Quartals-Abrechnung von der Kassenärztlichen Vereinigung:

Für seine 2400 Patienten im Quartal erhält er ein Budget – das so genannte Regelleistungsvolumen (RLV). Erhöht wird dieses RLV um das QZV. Glauben Sie mir, Sie wollen nicht wissen, was sich hinter diesen Buchstaben verbirgt, nur so viel: Zum QZV gehören diagnostische und therapeutische Leistungen, die gesondert, aber auch gedeckelt (das heißt nicht unbegrenzt), abgerechnet werden dürfen, Ultraschall, Belastungs-EKG, psychotherapeutische Gespräche u.a.m..

Um es nicht zu kompliziert zu machen (die Angelegenheit ist in Wirklichkeit noch viel komplizierter), nehmen wir einen realistischen Wert von 38 Euro für dieses RLV/QZV pro Patient und pro Quartal an. Das wären also die Haushaltsmittel, die dem Hausarzt zur ärztlichen Grundversorgung seiner Patienten zur Verfügung stehen. Der Hausarzt in Dorf A muss diesen Geldtopf mit Leistung füllen, was ihm im Bereich der Grundversorgung des RLV nicht schwer fallen dürfte.

Der Umsatz (kassenärztliches Honorar) aus dieser Pauschale würde sich demnach im Falle des Hausarztes aus Dorf A wie folgt errechnen:

2400 x 38 = 91.200 Euro

Sie erkennen schon am Konjunktiv, dass die Praxis anders aussieht. Denn!!! Lassen Sie sich das folgende auf der Zunge zergehen:

Laut Reglement soll der einzelne Hausarzt nicht übermäßig viele Patienten pro Quartal behandeln! Deswegen wird seine Überlastung abrechnungstechnisch bestraft! Die Leistungen werden abgestaffelt: In diesem Fall werden

bis ~1.400/Pat./Qu.            zu 100% bezahlt, entspricht     38,00 Euro

bis ~1.600 /Pat./Qu.           zu   75%                                           28,50

bis ~1.900/Pat./Qu.            zu   50%                                           19,00

über ~1.900/Pat./Qu.         zu   25%                                              9,50

zusammengezählt sind das dann nicht 91.200 Euro, wie oben errechnet, sondern 69.350 Euro. Aus dem durchschnittlichen Budget von 38 Euro werden auf wundersame Weise (69.350 : 2.400) 28.90 Euro. Das sind rund 10 Euro für jeden seiner Patienten weniger, allein deswegen, weil der Hausarzt in Dorf A zu viel arbeitet. Das ist ein echtes Lockmittel für Jungärzte: Nicht nur auf Freizeit verzichten, sondern auch noch Kürzungen hinnehmen müssen. Glauben Sie bitte nicht, ich übertreibe.

Kurze betriebswirtschaftliche Analyse der Jahresbilanz

Zu den  etwa 69.350 Euro pro Quartal kommen noch andere Einnahmen (Vorsorge, DMP, Hausarztverträge), so dass im Falle des Hausarztes aus Dorf A Jahreseinnahmen in Höhe von 340.000 Euro (4 Quartale/Jahr) zu Buche schlagen. Das ist nicht der Verdienst! Das ist der Umsatz.

Zeitmangel führt in unserem Fall zu wenig Wirtschaftlichkeit. Nicht nur der abrechnungsbedingte Umsatz ist vergleichsweise niedrig (dazu mehr im nächsten Artikel), sondern auch die Kostenstruktur ist nicht optimal, um es milde auszudrücken. Der Kostenanteil (Personalkosten, Immobilienkosten usw.) beträgt nämlich stattliche 58 %. Der Hausarzt wollte sich in dieser Hinsicht schon immer mal beraten lassen, aber in den letzten 20 Jahren fehlte die Zeit dafür.

Umsatz                                                                  = 340.000 Euro

./. Kosten 58%                                                    = 197.200 Euro

Gewinn vor Steuern                                           = 142.800 Euro ./. 12

monatlicher Gewinn vor Steuern                   =   11.900 Euro

Gewinn vor Steuern und Arbeitsaufwand

11.900 Euro brutto im Monat! Man könnte meinen, dass ist eine schöne Stange Geld. Sehen wir uns den Arbeitsaufwand dazu an.

10 – 12 Stunden pro Tag + Samstag etwa 3-5 Stunden, sind zusammen rund 60 Wochenstunden. Addieren wir dazu rund 15 Stunden pro Woche als Pauschale für Wochenend- und Nachtdienst, sowie Feiertagsarbeit (das ist im Falle unseres Beispiels bei Weitem zu wenig, aber die Realität erscheint manchmal übertrieben). Insgesamt kommt der Hausarzt aus Dorf A damit auf rund 75 Arbeitsstunden/Woche.

11.900 monatliches Einkommen ./. 300 Arbeitsstunden/Monat (75×4) = 39,67 Stundenlohn

Vergleichsrechnung:

39,67 Stundenlohn x 152 Arbeitsstunden/Monat (38 Std.-Woche) = 6.029,84

Fazit 1

Der Hausarzt in Dorf A verdient also 11.900 Euro brutto im Monat

Fazit 2

Knapp 12.000 Monatseinkommen würden bei einem normalem Arbeitsaufwand, wie er für den Durchschnitt der deutschen Bevölkerung gilt, ein Einkommen von etwa 6.000 Euro bedeuten. Hier nicht eingerechnet sind 0 Tage bezahlter Urlaub und 0 Tage Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, es sei denn der Hausarzt versichert diese Ausfälle teuer. Diese Beträge müssten aber vom Einkommen vor Steuern finanziert werden.

Ein Praxisvertreter kostet m. W. etwa 300 – 500 Euro pro Tag, die den Gewinn schmälern würden. Aber weil ein Landarzt keinen Praxisvertreter findet, hat er im Urlaub- oder im Krankheitsfall Umsatzausfälle, die ebenfalls den Gewinn schmälern.

Wie an dieser Stelle schon oft gesagt, ich will nicht jammern, schon gar nicht über das Einkommen der Ärzte. Mir geht es in diesem Fall um die Attraktivität eines Berufes. Machen Sie sich selbst ein Bild davon, ob diese Art Landärzte, die es noch zuhauf in Deutschland gibt, überbezahlt sind oder nicht. Oder ob Sie tauschen möchten.

In Deutschland wollen jedenfalls die jungen Ärzte auf keinen Fall unter diesen Arbeitsbedingungen auf dem Land praktizieren. Sie stimmen mit den Füßen ab und gehen woanders hin. Das ist verständlich, wenn man sich dazu noch die Widrigkeiten des Abrechnungssystems ansieht und die Investitionsunsicherheit wegen ständiger Änderungen des Systems und, und, und.

Aber es ginge und geht viel besser, dazu mehr im nächsten Artikel.

6 Gedanken zu „Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (7)

  1. Ralph

    Sehr interessante Rechnung, die dann wirklich für die meisten Ärzte frustrierend ist. Im Besonderen darf man nicht die Beiträge zur Rentenversicherung, Krankenkasse etc. vergessen.

    Man könnte jetzt aber auch überlegen, welches Potential in 2400 Patienten / Quartal für eine Praxis bedeuten. Nach unseren Erfahren sind die Patienten dann doch bereit zum Arzt im nächsten Dorf zu fahren, wenn die Betreuung nicht gut wäre. Man muss sich einfach mal das eigene Einzugsgebiet ansehen.
    Der Arzt in Dorf A macht also etwas richtig gut. Jetzt muss er nur noch etwas umorganisieren, damit bei der ganzen Sache noch Lebensqualität und etwas mehr Geld rausspringt.

  2. Pingback: Struktur und Organisation in der Arztpraxis / Zeitmanagement | BlogforDoc

  3. Walter

    Vielleicht sollte der Hausarzt in Dorf A eine andere Rechnung aufmachen: wie sieht die selbe Situation denn mit 2 Arzten aus ?
    7500 Euro pro Mediziner bei einer 40 Stundenwoche. Und das noch bei der gleichen, schlechten Kostenstruktur mit 58% Praxiskosten.
    Man kann diese 7500Euro auch nur bedingt mit dem Bruttoeinkommen eines angestellten Arbeitnehmers vergleichen, die Krankenversicherungskosten eines Arztes liegen deutlich unter denen eines gesetzlich oder privat Versicherten.Arbeitslosenversicherung entfällt vollständig. Auch besitzen die Mediziner das privileg einer eigenen Altersversorgung und werden nicht in die gesetzliche Rentenversicherung gezwungen.
    Nach Steuern entsprechen diese 7500 Euro wohl eher den 8500-9000 Euro eines Nichtselbstständigen.

    Oder anders gefragt: ab welchem Betrag ist denn die Tätigkeit als Hausarzt auf dem Land dann interessant ?

  4. Dienstarzt

    @walter

    Deine Einwände sind überprüfbar falsch. Denn auch wenn er eine Krankenversicherung, die ihm Rabatt gewährt, abschliesst, kostet es ihn mehr, denn er zahlt den Arbeitgeber- UND Arbeitnehmeranteil. Die Arbeitslosenversicherung entfällt, dafür benötigt er aber eine Verdienstausfallversicherung. Drum ist die im Blog angestellte Überschlagsrechnung so schon in etwa richtig. Auch dass es ein eigenes ärztliches Versorgungswerk gibt, ändert daran nichts.

    Darüber hinaus kann niemand für 38.- Euro im Quartal pro Patient wirtschaftlich arbeiten. Entweder spart er dann bei sich oder beim Patient.

    Eine Tätigkeit als Landarzt wird dann wieder interessant, wenn man den Eindruck hat, in dem, was die eigentliche Arbeit wäre, sich nämlich um die Patienten zu kümmern, nicht behindert zu werden.

    Dazu gehört neben der unsäglichen kafkaesken Bürokratie auch diese leidige Debatte übers Geld. In einer Wohlstandsgesellschaft will ich mich nicht bei ständiger Erreichbarkeit, hohem persönlichem Risiko und einer recht differenzierten Leistung für mein Einkommen rechtfertigen müssen. Selbst w e n n ich dabei reich würde. Punkt.

    Wer das nicht ertragen kann, der muss dann eben mit Flatratemedizin und der Tatsache, dass gut ausgebildete Ärzte ins Ausland flüchten, zufrieden sein.

Hinterlasse eine Antwort