Chronik eines angekündigten Freitodes 5

Das Ende
Bis zum Tag der  vorgesehenen Abreise war die Angelegenheit Freitod für Walter Gensch zu einem ausgewachsenen Verwaltungsakt geworden. Anträge mussten gestellt, ein lebenslaufartiger Aufsatz geschrieben, Überweisungen getätigt werden, neben meinen Bescheinigungen wurden psychiatrische Gutachten angefordert. Mehrfach war die Rede davon, dass sich die Schweizer Firma gegenüber der Schweizer Regierung und der Öffentlichkeit absichern müsste. Manchmal fragte ich mich, wer die größeren Probleme hatte, der Sterbewillige oder die Sterbehelfer. Mit Pietät hatte das meiner Meinung nach wenig zu tun.
Gesundheitliche Sorgen
Die Abreise in die Schweiz wurde schließlich wegen einer Erkältung des Patienten verschoben. Husten, Fieber und Kopfschmerz machten den Patienten reiseunfähig. Tochter Monika, inzwischen als Begleitung angereist, machte sich Sorgen um ihren Vater. Sie befürchtete eine Lungenentzündung und bat um einen Hausbesuch. „Befürchten“ empfand ich in diesem Zusammenhang als eine eher skurrile Wortwahl, spiegelt andererseits die Unsicherheit. Eine Lungenentzündung hätte eine Chance auf passive Sterbehilfe geboten, aber dazu schwieg ich.
Im Rahmen meines Hausbesuches untersuchte ich meinen langjährigen Patienten, stellte die Diagnose einer fieberhaften Bronchitis und verschrieb Medikamente, inklusive Antibiotika. Die Einlösung des Rezepts beziehungsweise die Einnahme der Medikamente stellte ich frei. Patient und Tochter sahen mich fragend an und mein Antwortblick war sicher eine einzige Gegenfrage, denn alle drei schwiegen wir.
Wiederholte Abschiede
Ich wusste nicht, ob ich mich nun meinerseits endgültig von meinem Patienten zu verabschieden hatte. Falls er keine Kontrolluntersuchung von mir wünschte, was in diesem Zusammenhang denkbar war, würde er einfach losfahren, wenn er wieder reisefähig war. Ob er in diesem Zustand und zu diesem Zwecke reisefähig war oder nicht, grenzte für mich an eine philosophische Frage. Zugegeben, der Patient fühlte sich nicht wohl und eine Auto- oder Zugfahrt in die Schweiz wäre eine Strapaze gewesen. Der wesentliche Punkt, der sonst in einer ähnlichen Situation die Reisefähigkeit einschränkte, entfiel in diesem Fall: Eine Reise hätte die Krankheit verschlimmern können, und man hätte mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Aber war das Schlimmste in diesem Fall das Schlimmste oder das Erhoffte?
Endgültiger Abschied
Ich verabschiedete mich und kündigte eine Kontrolluntersuchung in fünf Tagen an. Diese Form ließ alles offen. Und tatsächlich sah ich meinen Patienten Walter Gensch nie wieder.
Drei Tage später war er soweit hergestellt, dass er mit seiner älteren Tochter Monika in die Schweiz fuhr. Die jüngere Tochter Lisa war zwar inzwischen eingeweiht, machte dem Vater auch keine Vorwürfe mehr, wie sie es anfangs getan hatte, wollte aber auf keinen Fall mit in die Schweiz fahren.
Beide Töchter reagierten auf ihre Weise.  Jede der vier in den Freitod von Walter Gensch einbezogenen Personen reagierte auf eigene Weise, alle Reaktionen waren verständlich und nachvollziehbar. Das machte die Angelegenheit so schwierig.
Die Beteiligten
Person Nummer eins war Walter Gensch. Er wollte einfach nur sterben. Das war verständlich. Andererseits war er nicht dafür geschaffen, selbst Hand an sich zu legen, das war verständlich. Er suchte sein Heil in einer kommerziellen Schweizer Firma, verständlich. Er entwickelte Zweifel auf seinem Weg, sehr verständlich.
Person Nummer zwei war Tochter Monika. Sie war die ältere von beiden Töchtern. Sie verstand die Todessehnsucht ihres Vaters und wollte, was er wollte. Sie begleitete ihn in die Schweiz. Alles sehr verständlich und nachvollziehbar. Tochter Monika würde sich zwei weitere Wochen später noch meine Hochachtung verdienen.
Person Nummer drei war Tochter Lisa. Die jüngere der beiden Töchter war von Anfang an verschreckt vom Sterbewunsch ihres Vaters. Verständlich. Sie ergab sich aber schließlich den Wünschen des Vater, weil er und nicht sie die wichtigste Person in diesem Drama war und, weil sie keinen letzten Streit mit Vater und Schwester wollte. Anerkennenswert. Aber sie fühlte sich nicht in der Lage mit in die Schweiz zu fahren. Verständlich.
Person Nummer vier war ich, der Hausarzt. Ein Arzt ist einer solchen Situation besonders als Berater und Begleiter herausgefordert. Aber er hat sich selbst zurückzustellen, denn er ist nicht wichtig. Trotzdem ist ein Arzt ein Mensch, zumal ein Hausarzt. Ob der Leser es glauben mag oder nicht, am Ende hat mich die Nachricht vom Tode Walter Gensch sehr berührt.

Walter Gensch ist also tot. Er starb kurz vor Weihnachten 2009 in der Schweiz.
Aber, die inzwischen Jahre währende Geschichte seines Freitodes ist damit nicht zu Ende. Ein emotional sehr berührendes Kapitel lag noch vor mir. Es ist nicht mehr lang, aber es ist mir so wichtig, dass es einen eigenen Artikel bekommen soll.

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2 Responses to “Chronik eines angekündigten Freitodes 5”

  1. Lieber Dr. Weinert,

    seit geraumer Zeit verfolge ich begeistert Ihre Blogs auf DocScheck, habe dort heute auch den Link auf Ihre Seite gefunden. Soviel ärztliche Wärme und Verständnis ist leider sehr vielen Ärzten in der heutigen Apperatemedizin abhandengekommen.
    Ob man nun Ihre Zeilen über Hartz IV, Freitod oder “wer fängt an” etc. ließt, man wüscht sich solch einen verständnisvollen, kompetenten Hausarzt wie Sie es sind gleich um die Ecke.
    Hier seit langer Zeit leider nicht mehr verfügbar. Machen Sie bitte weiter so!

    Mit herzlichen Grüßen aus Hamburg

    Wolfgang H. Wieries

  2. Lieber Herr Wierles,
    danke für den lieben Gruß.
    Allerdings liegt es nicht nur an den Ärzten, dass Medizin weniger menschlich wird. Das System muss es auch wollen und dem ist nicht so. Es liegt beispielsweise eine große Gefahr darin, dass Krankenhäuser zur Gewinnmaximierung herhalten müssen. Menschliche Wärme kann man da nicht erwarten, von der Leitung nicht, weil sie an das Geld denkt und von den Mitarbeitern nicht, weil sie quasi im Akkord arbeiten müssen. Ich suche die Krankenhäuser, in die ich einweise, inzwischen oft genug danach aus, welchen Träger sie haben.
    Herzliche Grüße zurück nach Hamburg
    Wolf-Peter Weinert
    Der andere Hausarzt

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