Dr. Kunze hört (nicht) auf 18
Dezember 2009
Es weihnachtet sehr
Helmut Grabert saß seinem Hausarzt gegenüber und bat verschämt lächelnd um ein Weihnachtsgeschenk. Er zwinkerte dem Arzt zu, so wollte er Unsicherheit überspielen. Der Patient rutschte unbehaglich auf der Sitzfläche seines Stuhls, als sei sie ihm zu heiß. Dr. med. Anselm Kunze begriff sofort, was Herr Grabert meinte und wunderte sich, warum ihm das Thema nach all den Jahren noch immer peinlich war. Der Hausarzt nickte, lächelte wissend, erhob sich und verließ das Sprechzimmer.
Wenige Augenblicke später kehrte Dr. med. Anselm Kunze zurück und überreichte Alfred Grabert eine Packung Vitala. Der Patient bedankte sich artig und sprach leise davon, dass er sich bei anderer Gelegenheit revanchieren würde. Der Hausarzt wehrte das ab, wusste aber andererseits die Erdbeermarmelade und das Quittengelee der Graberts zu schätzen. Eine kleine Musterpackung Vitala – vier Tabletten, die das Eheleben seines Patienten bereicherten, wobei Hausarzt Dr. Kunze sich das im Einzelnen nicht vorstellen wollte. Hermine Grabert wog mehr als zwei Zentner und ihr Gatte sah aus, als wöge er nicht einmal einen. Beide waren über Achtzig. Frau Grabert litt an Rheuma und ihr Mann an schwerer chronischer Bronchitis, jeder Atemzug ein Pfiff, trotz starker Medikamente. Aber die Liebe fand ihren Weg – zu jeder Zeit und in jedem Alter. Wer wusste das besser als ein erfahrener Hausarzt.
Anselm Kunze hatte über die Jahre lernen müssen, sich mit dem Thema Sex im Alter zu beschäftigen. Als Jungarzt hatte er sich das nicht vorstellen können. Später hatte er Fortbildungen besucht, um besser helfen zu können. Das Verlangen nach körperlicher Liebe hörte nie auf, allerdings hinkte gelegentlich das Können dem Wollen hinterher. Hausarzt Dr. Kunze war inzwischen selbst in einem Lebensalter, von dem er noch vor zwanzig, dreißig Jahren behauptet hätte, es wäre längst asexuell. Wie kam man nur als junger Mensch darauf?
Wenn der Vertreter der Pharmafirma Plitzner bei Dr. med. Kunze auftauchte, bat der Arzt grundsätzlich um Musterpackungen von Vitala, im stillen Auftrag seiner Patienten. Der Plitzner-Mann verkniff sich ein Grinsen, das hätte sagen können: Mann, ich weiß doch Bescheid. Auch Doktoren können Potenzprobleme haben. Anfangs hatte Anselm Kunze noch möglichst lässig erklärt, dass es nicht um ihn ginge. Aber je mehr er seine Bitte um ein Medikamentenmuster kommentierte, umso mehr verhärtete sich der unausgesprochene Verdacht des Pharmavertreters. Irgendwann verzichtete der Arzt auf jede Bemerkung und nahm die Musterpackungen dankbar entgegen, gern auch mehrere, denn nicht nur Herr Grabert litt unter Standschwierigkeiten…
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Dezember 8, 2009 














Schöne Geschichte!
Den Trick mit dem Zurückrufen und Zu-Tisch-verleugnen muss ich mir merken…