Dr. Kunze hört (nicht) auf 16

Zuletzt waren Leser und Schreiber während Hausarzt Dr. Kunzes Einkaufstour unterbrochen worden. Ihnen erging es damit ähnlich wie dem Doktor selbst.
Hier nun der Rest der Geschichte, die ihren Ursprung in Dr. Kunze ganz privat nahm und mit Dr. Kunze kauft ein fortgesetzt wurde. Der Leser muss nicht jede dieser drei Episoden kennen, jede einzelne steht für sich. Aber es gibt da schon ein paar lesenswerte Einzelheiten … Nun denn, zum Einstieg seien ein paar Zeilen der Vorgeschichte wiederholt.
Oktober 2009
Dr. Kunze kauft weiter ein und macht sich Gedanken
Anselm Kunze hatte den Wurst- und Schinkenladen fast erreicht, als ein Elternpaar mit einem kleinen Jungen an ihm vorbeistürmte.  Das Kind schrie auf dem Arm des Vaters. Noch bevor der Hausarzt reagieren konnte, rief eine ältere Frau den dreien hinterher:
„Jens, Ute, bleibt stehen. Hier ist Dr. Kunze, der kann vielleicht helfen.“
Die ältere Frau, seine Patientin Borger, erklärte, der Junge sei ihr Enkel. Ihre Kinder seien mit ihm zu Besuch und… Bevor sie weiterreden konnte, standen die Eltern mit dem weinenden kleinen Tommi vor Dr. Kunze und berichteten, was geschehen war. Bis vor wenigen Minuten hatten sie den Kleinen an den Händen gefasst und in die Luft geschwungen. Plötzlich habe er furchtbar geschrien und geweint. Seitdem war er nicht mehr zu beruhigen, hielt sich den rechten Arm und schrie nur immer lauter, wenn jemand seine Hand oder seinen Arm berührte.
Nach dieser Vorgeschichte bedurfte es beinahe keiner Untersuchung mehr. Der Fall war für jeden halbwegs erfahrenen Arzt eindeutig. Ein klassischer Chassignac. Pronation doloreuse. Alles klar. Eine Verrenkung des Speichenköpfchens.
Dr. med. Anselm Kunze wies den Vater an, sich mit seinem Sohn auf die nahestehende Bank zu setzen. Dann tat er das Wichtigste, was in so einem Fall seiner Meinung nach zu tun war. Er sprach beruhigend mit der Mutter und  empfahl dem Vater, seinen Blick Richtung Auslagen im Schaufenster zu wenden. Mütter sorgten sich und hatten Angst um ihren Nachwuchs, Vätern wurde gern übel und schwummerig zumute. Nach derlei Vorbereitungen wandte er sich an das weinende Kind.
„Ich will deinen Arm nur mal anschauen. Und jetzt helfe ich dir, ihn zu tragen. Der ist ja bestimmt ganz schwer, dein Arm.“
Das Kind weinte lauter. Die Finger der linken Hand hingen schlaff herunter, wie gelähmt. Ganz vorsichtig nahm der Arzt die kleine Hand. Das Kind schrie. Der Vater blinzelte in Richtung seines Sohnes, schaute aber gleich wieder weg. Die Mutter hatte den fremden Arzt genau im Auge. Wehe, der tat ihrem Liebling etwas an…

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