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15 Sep |
Harmlose Naturheilmittel? Heute in der Sprechstunde
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Heute in der Sprechstunde habe ich wieder einmal zu hören bekommen, womit sich ein Hausarzt beinahe täglich auseinandersetzen muss.
„Schreiben Sie mir bitte nur ein harmloses Naturheilmittel auf. Ich möchte für mein Kind lieber ein paar Globuli statt der Chemie aus der Pharmaindustrie.“
Diese Aussage birgt gleich drei Trugschlüsse:
1. sind nicht alle Naturheilmittel harmlos. Im Gegenteil, aus Fingerhut oder Tollkirsche gewonnene Medikamente können ausgesprochen giftig sein und tödliche Herz-Kreislaufreaktionen hervorrufen. Johanniskrautpräparate machen lichtempfindlich, efeuhaltige Hustensäfte können Allergien auslösen und, und, und…
2. sind Globuli keine naturheilkundlichen Arzneien sondern homöopathische. Der Unterschied ist ungefähr so groß, wie der Unterschied zwischen einer Operation und einer Akupunktur. Über die Wirksamkeit homöopathischer Substanzen wollen wir an dieser Stelle nicht streiten. Mein Grundsatz dazu heißt: Wer heilt, hat Recht!
3. ein weiterer Irrglaube ist die Annahme, Naturheilmittel seien nichts Chemisches. Natürliche Substanzen sind reine Chemie – Biochemie. Überdies kann man davon ausgehen, dass naturheilkundliche Arzneimittel in nichts anderem als in Fabriken unter Zuhilfenahme von chemischen Prozessen hergestellt werden, wenn sie in solchen Mengen gebraucht und verbraucht werden, wie beispielsweise Hustensaft auf Efeubasis oder Johanniskrautpräparate.
Ergänzend halte ich eine Einsicht für erwähnenswert, die mir als Hausarzt immer wichtiger wird, je länger ich Hausarzt bin:
Jedes Arzneimittel kann Schaden anrichten. Ob es sich um „reine Chemie“, naturheilkundliche Mittel, homöopathische Substanzen oder Zuckertabletten handelt. In einem wesentlichen Punkt sind sie alle gefährlich: All diese Mittel können den Eindruck erzeugen, es reiche, eine Pille oder ein paar Tropfen einzunehmen und man wird wieder gesund. Diesen Leitgedanken beispielsweise bereits Kindern vorzuleben, halte ich für gefährlich. Kindlichen Kopf- oder Bauchschmerz behandele ich deswegen nicht mit „harmlosen“ Mitteln. Entweder steckt dahinter eine Erkrankung, die erkannt und korrekt behandelt werden muss oder, wie in den allermeisten Fällen, es verbergen sich Kummer und Sorgen dahinter. Diese sollten mit Zuwendung behandelt werden, nicht mit Tabletten, Saft oder Kügelchen. Selbstverständlich kann die Zuwendung unterstützt werden mit einem kühlen Lappen für die Stirn oder einem warmen Umschlag für den Bauch.Â
Kommentare
3 Kommentare zu “Harmlose Naturheilmittel?”
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den unterschied zwischen “naturheilmitteln” und “homöopathisch” zu erklären ist meist nicht möglich, wenn ich so an meine erfahrungen denke.
dass bei wirkungen auch neben- und wechselwirkungen entstehen können, ganz egal um was es geht, wird den meisten vertretern der gattung homo sapiens lebenslang ein ungelöstes rätsel bleiben.
aber “nur aus der natur ist gesund” meinte der eine herzpatient, an den ich mich gerne erinnere, der sich wegen der “unglaublichen nebenwirkungen” eines diuretikums beschwerte. der tatsache, dass er seinen medikamentencocktail dreimal täglich mit einem grossen glas grapefruitsaft hinunterschwemmte und seine leidenschaft für lakritz (bis zu einem halben kilo am tag) begeistert auslebte, dem mass er keine bedeutung zu. was aus der natur kommt, kann ja nicht schlecht sein, nicht wahr. er hätte übrigens auch gerne was homöopathisches gehabt gegen seinen bluthochdruck …
Meine Rede, Herr Kollege!
Sehr schön auf den Punkt gebracht…. aber an den Patienten sind diese Erkenntnisse nur wahnsinnig schwer zu bringen.
Und ich bin eine Rabenmutter, weil ich heftige Zahnungsbeschwerden meines Kindes im (seltenen) bedarfsfall mit Paracetamol behandele (35 Minuten später ist Ruhe, man kann die Uhr danach stellen) und ihr keine Bernsteinkette umhänge. Kinder haben offensichtlich kein Recht auf suffiziente Schmerzlinderung.
Vollkommen richtig, was alle 3 Kollegen hier sagen. Nur bei der These “wer heilt hat recht” sollten wir doch ein wenig länger verweilen.
Es ist richtig, dass die Heilung natürlich das Ziel ist. Aber die wird doch immer nur angenähert erreicht. Und die Nebenwirkung ist wie richtig gesagt immer (und damit auch hier) vorhanden. Wenn die Nebenwirkung nicht angeguckt wird, dann ist man nicht ehrlich. Eine(!) der vielen Nebenwirkungen der Homöopathie ist die Wahrhaftigkeit. Will sagen, es kostet reichloich viel Mut, einer angstneurotischen Mutter eben gerade nicht das Kügelchen zu empfehlen, wenn mir klar ist dass es ein reiner! Placeboeffekt ist. Sich hin zustellen und zu sagen, das wird der Körper Ihres wunderbar dafür ausgestatteten Kindes so großartig überwinden wie all die zig Tausend andern Infekte die es schon unbemerkt von Mama zuvor gemeistert hat.
Unter dem schnell hingeworfenen (scheinbar bescheidenen) Kommentat “wer heilt hat Recht” steckt die gleiche Erosion der Wahrheit wie (zugegeben etwas polarisierend formuliert) in der Äusserung “Wenn jemand nach der Sharia leben will dann lass ihn doch”.
Wenn ein Kollege 100% hinter der Homöopathie steht, dann sollte er sie praktizieren. Er muss dann aber die inhaltliche Auseinandersetzung auch offen führen. Wenn ich den “wer heilt hat Recht” Spruch bemühe, dann kann ich mich bestenfalls hinter die zweite These zurückziehen “den Patienten da abholen wo er steht” aber sicher nicht behaupten ich sei so demütig, dass ich jede Alternative gelten lasse. Bei welcher gespicjkten WooDoo Puppe hört der Irrsinn dann auf?