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Sep

Wer fängt an? Teil 1

categories Gesundheitspolitik    

Gedanken eines Hausarztes zum deutschen Gesundheitswesen in drei Teilen
Neben der Tatsache, dass das deutsche Gesundheitswesen noch immer Beachtliches leistet, gibt einiges am System zu beklagen. selbst wenn ganz und gar neutral argumentiert würde:
Explodierende Kosten, Ungerechtigkeiten, Habgier auf allen Seiten, politische Unfähigkeit, effektheischendes Sendungsbedürfnis, ausufernde Anspruchshaltung, mangelhaftes Management und dekadente Verschwendungssucht sind Schlagworte, die jeder unterschreiben würde. Allerdings nicht jeder alle, sondern jeder die, die jeweils den anderen betreffen.
Es sind immer die Anderen
Ein Manager aus der Pharmaindustrie würde sich gegen den Vorwurf der Habgier verwahren, aber vielleicht den Tadel Richtung unfähiger Politik mittragen, oder das ständige Lamento der Krankenkassen über überhöhte Medikamentenpreise beschimpfen.
Ein Patient würde allem beipflichten, außer der ausufernden Anspruchshaltung. Damit kann er keinesfalls gemeint sein, weil er nur nimmt, was ihm zusteht und nicht einmal das bekommt er. Sicherheitshalber würde er nachfragen, wer mit dekadenter Verschwendungssucht angesprochen ist, ein unhaltbarer Vorwurf, was die Patienten betrifft.
Ein Arzt würde spüren, dass es dabei vielleicht um ihn ginge und sich sofort auf den Schlips getreten fühlen. In einer Art natürlichem Beißreflex würde er umso lauter über die Medien, Krankenkassen und Politiker schimpfen, vielleicht sogar die eigene Standesvertretung angreifen.
Die Krankenkassen würden ihr eigenes Management loben, aber zusammen mit den Politikern die Ärzte laut attackieren. Leise, quasi im Stillen, damit es niemand hört, würden sie über die Patienten lästern, die zu viel haben wollen und ihnen klammheimlich Leistungen streichen. Leise deswegen, weil Patienten ja immer auch Versicherte sind, die das Recht haben, die Krankenkassen zu wechseln.
Die Führung einer Krankenhausgruppe würde den Vorwurf der Gewinnmaximierung weit von sich weisen, auf die Kräfte der Marktwirtschaft verweisen und Krankenkassen sollten sich an die eigenen Nasen fassen.
Die Medien sind hier und da für oder gegen alles, schüren gern Ängste, alles im Sinne der umfassenden Information oder der Einschaltquoten und Auflagen. Die verwahren sich aber gegen jegliche Einschränkung ihres Mitteilungsbedürfnisses. Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, das es mit aller Entschiedenheit zu verteidigen gilt, es sei denn, jemand ist der Meinung, die Medien sollten sich zurückhalten.
Und die Politik? Fragen wir nicht weiter, wir wissen, wie es ausgeht: Die Anderen sind Schuld. In diesem Fall sogar Mitglieder der eigenen Kaste, aber die von der anderen Partei.
Die These, die anderen sind Schuld, ist die einfachste und die gängigste, vor allem ist es die These, die sich am längsten hält und von allen Gruppen genutzt wird. Im Grunde ist diese Behauptung unverwüstlich und gilt seit dem Beginn der Zeit.
Die Sechsfaltigkeit
Auf das deutsche Gesundheitswesen wirken sechs Kräfte ein, Gruppierungen, die es tragen, bestimmen und nutzen. Erweisen wir der Politik den Gefallen und nennen sie zuerst. Gefolgt von den Verkäufern (Medikamente, Hilfsmittel, private Krankenhäuser als Wirtschaftsunternehmen u. a.), den Versicherern (Krankenkassen, Lebenversicherungen, usw.), den Medien, den Therapeuten (KG, Ergo, Ärzte usw.) und schließlich den Patienten. Die Reihenfolge ist willkürlich und zufällig, nur eine Position ist in diesem Zusammenhang unumstößlich zutreffend, die des Patienten. Dieser Teil des Gesundheitswesens ist immer das letzte Glied der Kette. Einerlei wer die Kette aufzieht, der Patient ist nicht beteiligt und kommt nach hinten.
Allen sechs wirkenden Kräften in der Medizinwirtschaft ist eines gleich: Sie brauchen und gebrauchen das Gesundheitswesen, nutzen es oder bedienen sich an ihm, an seinen Milliarden. Mal steht der eine Nutznießer im Mittelpunkt der Kritik, mal der andere. Nie sind es alle bei allen zu gleich und niemand fasst sich an die eigene Nase. So wird es immer weiter gehen.
Im nächsten Teil wird die Titelfrage beantwortet. Wer sollte beginnen und sich an die eigene Nase fassen, sollte mit eigener Zurückhaltung eine Wende im Gesundheitssystem einleiten?

Kommentare

5 Kommentare zu “Wer fängt an? Teil 1”

  1. Benedicta am 27.09.2009 um 12:09 pm Uhr 

    Danke.

    Danke, für einen differenzierten Artikel, der auf Polemik verzichtet und in mir sogar ein Fünkchen Hoffnung aufglimmen lässt, dass vielleicht doch noch irgendwo im System ein bisschen konstruktive Möglichkeit steckt…

    Btw: ich glaube, es kann schon jeder alle Schlagworte unterschreiben - und dabei die jeweils Anderen meinen…
    Zum Thema “wer fängt an”: ich bin schon dabei (wenn und wo ich kann), nach Lektüre u.A. auch deines Blogs würde ich beispielsweise inzwischen anders mit meinem Arzt umgehen (z.B. nicht voraussetzen, dass er meinen Fall sofort und aus dem Stegreif parat hat).

  2. drgeldgier am 02.10.2009 um 10:38 pm Uhr 

    Ein schönes Statement, aber bisher leider sehr nebulös gehalten. Die Grundaussagen dieses Artikels treffen letztlich für alle äußerst kontrovers geführten Diskussion bzw. Problemstellungen zu, bei der verschiedenste Interessengruppen aufeinander treffen.
    Bin mal gespannt auf Teil 2, ob da was Konkreteres kommt.

  3. Krank durch Diagnose 2 » Beitrag » Der andere Hausarzt am 08.02.2010 um 5:27 pm Uhr 

    [...] dieser Stelle verweise ich auf meine kleine Artikelreihe Wer fängt an Dieser Fall ist nur ein kleines Beispiel. Er zeigt aber, wo die Crux in der heutigen Medizin liegt. [...]

  4. DocCheck Blog am 08.04.2010 um 1:27 pm Uhr 

    Krank durch Diagnose 2…

    Teil 2 Der Weg zur Diagnose Im letzten Artikel wurde der Begriff Diagnose und der Weg dorthin erklärt. Der Ablauf im Patienten-Arzt-Verhältnis ist von der Struktur immer gleich: Ein Mensch wird zum Patient und sucht in aller Regel seinen Hausarzt auf…

  5. DocCheck Blog am 11.04.2010 um 8:13 pm Uhr 

    Krank durch Diagnose 3…

    Teil 3 Ein ausführliches Beispiel In heutigen Artikel soll die Odyssee von Patienten mit einer bestimmten Beschwerde durchgespielt werden. Ein Symptom als Beispiel für viele: Der Schwindel. Schwindel ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Symptom…

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