aut idem–Das Kreuz mit dem Kreuz auf Deutschlands Rezepten.
Als Hausarzt bin ich immer wieder mit folgendem Problem konfrontiert:
Einer meiner Patienten hat bislang immer Delix plus von der Firma Sanofi-Aventis gegen seinen Bluthochdruck eingenommen. Heute bekommt er von seiner Apotheke überraschend Ramipril plus von der Firma Hexal ausgehändigt. Sein Problem ist das vieler deutscher Patienten: Sein Hausarzt, also ich, hat das Medikament auf dem Rezept nicht mit einem Kreuz gekennzeichnet.
Nur mit Kreuz im „aut idem“- Kästchen (aut idem = oder das Gleiche) links neben dem Medikament ist der Apotheker verpflichtet genau das Präparat ausgeben, das auf dem Rezept steht. Ist kein Kreuz im „aut idem“ – Kästchen vorhanden, muss zwar die identische Wirkstoffzusammensetzung gewährleistet sein, der Apotheker ist aber verpflichtet, dem Patienten eine der drei preisgünstigsten Varianten des Medikamentes auszuhändigen, die auf dem Markt verfügbar sind. Falls vorhanden, muss er neuerdings ein Präparat der Firma ausgeben, mit dem die Krankenkasse, die den Kopf des Rezeptes ziert, einen Rabattvertrag ausgehandelt hat.
Nun könnten Patienten meinen, ihr Hausarzt bräuchte seinen Computer nur so einzustellen, dass automatisch ein Kreuzchen erscheint. Alle Beteiligten hätten dann ein einfacheres Leben. Großmutter und Großvater würden Ihre Tabletten wiedererkennen, der Apotheker bräuchte nicht lange nach Ersatz zu suchen und sich anschließend beschimpfen zu lassen und dem Hausarzt würde manche Diskussion erspart. Aber so einfach ist das Leben im deutschen Gesundheitswesen nicht.
Ärzte fürchten Honorarkürzungen
Der Gesetzgeber hat sich im Zuge einer seiner vielen Sparverordnungen neue Regelungen ausgedacht. Was das „aut idem“- Kreuz betrifft, lautet sie kurz gefasst so: Rezepturen mit Kreuz belasten das Medikamenten-Budget des Arztes, Rezepte ohne Kreuz nicht. (Dies ist so nicht ganz korrekt, ist aber eine treffende Zusammenfassung dessen, was die meisten Ärzte unter dieser Regelung verstehen.) Weil nun aber Ärzte nichts mehr fürchten als einen Regress (Honorarkürzung), verzichten sie immer häufiger auf das Kreuz. Diese Ängste sind nicht unberechtigt, denn allenfalls eingeweihte Spezialisten verstehen das Regelwerk, nicht aber der normale niedergelassene Arzt.
Allgemeine Verunsicherung
Die Probleme, die aus solchen Anweisungen entstehen sind vielfältig: Verunsicherung der Patienten durch unterschiedliche Form und Farbe der Tabletten, durch unterschiedliche Teilbarkeit, unterschiedliche Verträglichkeit und unterschiedliche Herstellungsqualitäten. Der Arzt vermisst eine kontinuierliche Therapie, darüberhinaus entsteht ein nicht zu unterschätzender Autoritätsverlust des verschreibenden Arztes. Wenn sein Rezept keine Gültigkeit mehr hat, wie ist es dann generell mit seinen Verordnungen?
Erstaunliche Ruhe unter den Betroffenen
Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist, dass die Ärzte allenfalls mit zaghaften Protesten reagieren. Noch erstaunlicher ist, dass auf Seiten der Patienten nichts passiert. Patienten und Hausärzte sind wie immer dankbare Opfer. Sie lassen sich alles gefallen. Sie machen jede Kehrtwendung mit, die sinnvollen und die haarsträubenden. Im Gegenteil, diese beiden wichtigsten Gruppen des Gesundheitswesens tun dem System noch den Gefallen, sich gegenseitig zu zerfleischen, beispielsweise eben im Kampf um das „aut-idem“-Kreuzchen.
Ich würde Ihnen gerne sagen, wie ich es mit dem Kreuzchen handhabe, aber ich bin mir selbst nicht sicher. Einmal denke ich, ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich machen soll, ein anderes Mal fürchte ich hoffnungslos zur Kasse gebeten zu werden, falls es einmal ernst wird mit meinem Arzneimittelbudget. Eines ist allerdings klar: Solche Regelungen rauben einem Hausarzt den letzten Nerv.
(Übrigens: Sollte der Leser der vorherigen Zeilen sich gewundert haben, dass im Falle der Markierung des Feldes „aut idem – oder das Gleiche“, eben eine Herausgabe des Gleichen nicht geschehen darf, es also ausdrücklich verboten ist, das Gleiche herauszugeben, wenn „oder das Gleiche“ angekreuzt ist, dann hat der Leser verstanden, dass wir vom deutschen Gesundheitssystem reden.)


Juli 12, 2008 














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Die Pharmaindustrie arbeitet wie jede anderes Wirtschaftsunternehmen: Sie wollen Geld verdienen, was ja auch im Grundsatz her erst mal nicht zu verachten ist – wer will das nicht.
Wenn die Preise allerdings zB im EU-Ausland wesentlich günstiger sind als in Deutschland bekommt man den Eindruck, das da erhebliche Gewinnspannen liegen und der Wettbewerb in Deutschlang nicht funktioniert. Wie auch wenn die Kassenpatienten nicht selbst zahlen und meist nicht mal den Preis kennen den die Kasse dafür zahlt? Daher finde ich das Kästen eigentlich nicht schlecht. Zum einen wird der Wettbewerb verstärkt, weil möglichst die günstigen Medis herrausgegeben werden, und die Kassen können Preise verhandeln. Bei irgendwelchen Standard-Medis aus wirtschaftlicher Sicht sicher besser. Ist es aus ärzlicher Sicht ein ganz bestimmtes Medikament nötig, gibt dieses Kästchen dem Arzt die Möglichkeit dazu.
Dass Form und Farbe der Medikamente manchmal anders ausfallen ist da doch kein kleiner Preis wenn man bedenkt,dass das Ganze dazu dient die Kosten des Gesundheitswesens möglichst niedrig zu halten. Schließlich sollte man doch lesen was drin ist, und nicht schauen welche Farbe das Ganze hat, oder?
Für mich als Allergiker und Zöliakie Patient ist es enorm wichtig genau das und kein anderes Medikament zu bekommen.Ich mußte schon oft erleben wenn das Kreuzchen vergessen wurde das ich für mich lebensgefährliche Zusatzstoffe im Medikament fand.Deshalb achte ich heute darauf,das aut idem angekreuzt ist.
Das ist für Sie richtig und wichtig. Aber wenn das für jeden Patienten und jedes Medikament so gehandhabt würde, bräuchten wir keine aut-idem-Regelung.Jeder bekäme dann einfach das, was auf dem Rezept steht.
Klingt bestechend einfach, aber daran, dass es jetzt anders läuft,haben wir Ärzte viel Mitschuld. Zu spät haben wir als Gemeinschaft preisbewusst rezeptiert.
http://www.pharmazeutische-bedenken.de
Ihre Internetplattform rund um das Thema Arzneimittel-Substitution und den Sonderfall “Pharmazeutische Bedenken” im Rahmen von Rabattverträgen
Hier geht es um den Austausch zwischen Kollegen und Experten.
Ich habe eine Schilddrüsenerkrankung, dazu hat mir jeder (Facharzt, Apotheker) erklärt wie wichtig es ist, daß Medikament nicht zu wechseln. Meine Hausarzt sieht sich außerstande aut idem zu streichen. Für drei Rezepte ging das gut, seither habe ich schon zweimal das Gleiche bekommen. Dies zog einen Besuch beim Facharzt und eine neuerliche Einstellung auf dieses Präparat nach sich. Wer spart jetzt hier in dieser Situation? Ich habe das Gerenne,(Überweiseung holen, Termin beim Facharzt, der ist auch nicht gleich ums Eck) bis das alles soweit erledigt ist, ist die halbe Packung aufgebraucht, die Dosis wurde angepasst und ich bekomme ein neues Rezept. Mit Diesem und der angebrochenen Packung gehe ich dann zum Apotheker und hoffe das der Rabattvertrag immer noch besteht. Ich gebe ihm meine Tabletten zur Entsorgung zurück und nehme meine neuen in Empfang. Kostet mich ja nur schlappe 5 Euro.
Das nenne ich: “einen kostenintensiven Beitrag zur Kostensteigerung!” Der Unterschied zwischen den Medikamenten beträgt übrigens 60 Cent, welche ich libend gerne selbst zahlen würde, aber das geht ja nicht. Vielleicht sollte ich es gleich privat zahlen…?
zum Beitrag von Georg:
Ihr Beitrag spricht mir aus dem Herzen, denn ich habe auch eine Schilddrüsenerkrankung und befürchte bei einem Präparatwechsel unerwünschte Nebenwirkungen. Bisher ging das mit dem Kreuzchen gut, aber nun musste ich den Hausarzt wechseln (Wegzug des Arztes) und der neue Arzt (habe mir nun extra einen Homöopathen gesucht!!!)hat nicht eingesehen, warum er ein Kreuz auf dem Rezept machen soll. Sollte nicht gerade ein Homöpath wissen, dass es bei den Hilfsstoffen zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen kann???? Mein Vertrauen in diesen Arzt ist jetzt jedenfalls dahin und ich muss wieder auf die Suche gehen nach einem neuen Hausarzt!!!
Ich habe eine anderes Problem.
Vor einiger Zeit gab es Salbumatol-Inhalierampullen 50×2,5ml zuzahlungsfrei; danach Zuzahlung 10%, mind. 5,00 €. Mir ist egal, ob das Medikament von einem bestimmten Hersteller ist, oder als Generika ausgehändigt wird.
Seit ca. 4 Wochen muß ich jedoch auf Salbumatol von AL (Listenpreis 19,22€) 12,06€ = 62,49% zuzahlen.
Das gleiche Medikament kostet bei Ratiopharm 12,15€ bei Zuzahlung von 5,00€.
Da meine Krankenkasse keinen Vertrag mit Ratiopharm hat, zahle ich ca. 100€ im Jahr zusätzlich.
Wie kann ich mich wehren?
Muss mir mein Hausarzt auf Verlangen Ratiopharm per Aut Idem verschreiben?
Ich bin der Meinung, hier holen sich die Pharmafirmen die Rabatte, die sie an die Krankenversicherungen gewähren, zurück. Oder?
Klaus B.
Von müssen würde ich nicht sprechen, da nur medizinische Gründe uns Ärzte verpflichten, ein aut idem-Kreuz zu setzen. Aber finanzielle Probleme können ja auch zu gesundheitlichen werden.
Also ich würde raten, Sie sollten sich mit Ihrem Hausarzt zusammensetzen, die Rechnung wie sie oben steht aufzeigen und um das Kreuz bitten.
Es gibt in meinen Augen keinen ernsthaften Grund Ihnen das zu verweigern. Allerdings bleibt es dabei: Es ist ein unerträglicher Zustand, dass solche Kämpfe zwischen Patienten und Ärzten gefochten werden müssen.
Vielleicht ist ja auch ein zaghafter Hinweis auf diesen Blog nützlich.
Der andere Hausarzt
Der zweite Absatz ist meiner Meinung nach falsch.
Gerdae wenn ein Kreuz bei “aut.idem” steht, kann
die Apotheke ein gleichwertiges Medikament
einsetzen.
Gruß
Rolf Zehender
Der zweite Absatz ist meiner Meinung nach nicht
richtig. Wenn ein Keruz steht kann ein gleich-
wertige Medikament ausgeliefert werden.
Gruß
Rolf Zehender
Das ist ja gerade der Wahnsinn, dass es nicht so ist. Da wird einfach die Bedeutung eines lateinischen Ausdrucks ins Gegenteil verkehrt. Eigentlich heißt “aut idem” “oder das Gleiche”, aber gemacht wird daraus per Dekret “genau dasselbe”.
Gruß
Der andere Hausarzt
mann sollte einfach alle Medikamente mit dem selben Wirkstoff Preiseinhaltlich halten. Festbetrag setzen. Dann würd es dieses Dilemma gar nicht geben.