Die Heilkraft der Bewegung 11
Warum sollen wir uns bewegen? Teil 6 Der “Alterszucker”
1. Der sogenannte Alterszucker hat mit einem Defekt der körpereigenen Insulinproduktion nichts zu tun. Im Gegenteil - häufig ist der Insulinspiegel erhöht. Warum wird trotzdem mit Insulin therapiert?
2. Der sogenannte Alterszucker hat wenig mit dem Alter zu tun. Warum heißt er dann Alterszucker?
Zwei Fragen, die mit dem folgenden Text beantwortet werden sollen und deren Beantwortung zeigt, wie wichtig in diesem Zusammenhang Bewegung und Sport sind.
Der “Alterszucker” ist im Wesentlichen ein Bilanzproblem des Energiehaushaltes. Wird über Jahre weitaus mehr Zucker gegessen als verbraucht, steigt die Gefahr einen Typ-II-Diabetes zu erleiden. Auf diesen Satz reagieren die meisten meiner Patienten sofort mit der Aussage, dass sie schon lange gar kein Zucker mehr essen. Dies ist ein Missverständnis, weil nicht allein Zucker ist, wo auch Zucker draufsteht. Dazu muss man wissen, dass jedes Kohlenhydratmolekül aus einer Kette von Zuckern besteht. Essen wir also Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Reis, verzehren wir damit letztendlich Zucker, weil der Körper langkettige Kohlenhydrate nur verdauen und verwerten kann, wenn er sie zuvor in Zuckermoleküle “kleingehackt” hat. Diese Zuckermoleküle gelangen in die Blutbahn und die Folge ist:
Der Blutzuckerspiegel steigt. Sobald dies der Fall ist, setzt die Bauchspeicheldrüse Insulin frei. Dieses Hormon funktioniert als Türöffner für die überschüssigen Zuckermoleküle, die in die Körperzellen hinein wollen und müssen. Also dorthin, wo der Zucker gebraucht wird, in dieGehirnzelle für den Denkprozess, in die Muskelzelle als Brennstoff für die Bewegung, in die Nierenzelle zur Erfüllung der Spülleistung und so weiter.
Sind all diese Zellen noch bis zum Rand vollgestopft mit Zucker, weil der nicht verbraucht wurde, produziert der Körper mehr Insulin, um die Zuckermoleküle “mit Gewalt” in die Zellen zu pressen. Der Körper möchte mit Hilfe des Insulins den Zuckerstau im Blut beseitigen. Ein zu hoher Zuckerspiegel im Blut führt auf Dauer zu Problemen, von denen wir alle schon gehört haben: Abnahme der Sehkraft, der Durchblutung, der Nervenempfindlichkeit usw.
Aber jeder Laie kann sich vorstellen, dass so eine Prozedur Grenzen hat. Irgendwann ist jede Zelle übervoll. Die körpereigene Insulinproduktion ist bereits erhöht (siehe da, hoher Insulinspiegel bei Zuckerkrankheit), also muss man sich etwas anderes einfallen lassen, beispielsweise Tabletten, die die Zuckeraufnahme im Darm verhindern oder noch mehr Insulin spritzen, irgendwie muss doch der Blutzuckerspiegel sinken.
Wie wäre es an dieser Stelle mit einem Verbrauch an Zuckermolekülen? Einfach mal bewegen, denken oder auf der anderen Seite weniger essen. Hier sei ein kurzer Exkurs zur Sozialversorgung in Deutschland erlaubt. Gelegentlich fordern finanzschwache “Altersdiabetiker” beim Sozialamt eine Zulage zur Finanzierung der besonderen Diabetikerkost ein, die ihnen auch gewährt wird. Nach den vorhergehenden Zeilen wäre ein Spareffekt denkbar, der finanzschwache “Altersdiabetiker” Geld zum Sozialamt tragen lassen müsste. Aber wie gesagt, das nur nebenbei.
Auf gut Deutsch: Wenn die Bilanzprobleme auf Einfuhrseite ausgereizt sind, sollte man an der Ausfuhr arbeiten, in diesem Fall mit dem Bewegen. Dabei geht es nicht um sportliche Höchstleistungen, es geht einfach darum, die eigene Nahrungsaufnahme der körperlichen Leistung anzupassen.
Der Zuckerstoffwechsel im menschlichen Körper bietet zwei weitere Stoffwechselfallen:
1. Der Körper ist in der Lage überschüssigen Zucker in Fett zu verwandeln.
2. Die Anwesenheit von Insulin im Blut beschleunigt die Zuckerverarbeitung stoppt aber jegliche Fettverbrennung.
Die gute Nachricht ist: Der Körper kann Zucker sogar ohne Insulin verwerten, allerdings gilt das nur für den Fall, dass wir uns bewegen. Nur, wenn wir uns körperlich anstrengen, “öffnet die Zelle ihre Tore” auch ohne Insulin. Diesen Umstand nutzen übrigens kluge Typ-I-Diabetiker schon lange.
Die gesamte Problematik des “Altersdiabetes” hat also etwas mit jahrelanger Fehl- und Überernährung zu tun. Weil der Mechanismus dieser Art der Diabetesentstehung früher Jahrzehnte brauchte, wurde man darüberher alt, daher der Begriff “Altersdiabetes”. Dieser Ausdruck steht deswegen dauernd in Gänsefüßchen steht, weil er heutzutage nicht mehr viel mit dem Alter zu tun hat. Die Mengen an Nahrungsmittel, die rasante Entwicklung einer Fehl- und Überernährung in unserer modernen Zeit, dazu der dramatische Rückgang an Bewegungsdrang, lässt einen “Alterszucker” immer früher entstehen. Wir behandeln heutzutage bereits Kinder mit Typ-II-Diabetes, deswegen muss der Begriff “Alterszucker” verschwinden.
Schlussbemerkung: Die Probleme rund um den Typ-II-Diabetes sind komplexer als sie hier dargestellt werden. Trotzdem ist die vereinfachte Darstellung dem Sinn nach richtig und die empfohlenen Konsequenzen ebenfalls.


Juli 27, 2008 














Prima und verständlich geschrieben. Allerdings kann man auch neben der Bewegung durch die Art der Ernährung zu einem verbesserten Blutzucker-/Insulinspiegel beitragen. Die Ernährung nach der LOGI-Methode ist hier sehr erfolgreich.
Ganz richtig! Mehrere Ansätze sind immer gut.
W.P.Weinert
http://www.der-andere-hausarzt.de