Medizin als Angebot
Heute nun zu einem weiteren Grund, warum Sie selbst gut informiert sein sollten, was die eigenen gesundheitlichen Probleme betrifft und warum Sie einen guten Kontakt zu Ihrem Hausarzt pflegen sollten:
Ärzte, vor allem in Krankenhäusern, präsentieren heutzutage immer häufiger keine Entscheidung mehr, was Diagnostik und Therapie betrifft, sondern sie bieten den Patienten eine Auswahl an. Wir könnten Ihre Bandscheibe entfernen oder es mit Spritzen versuchen. Oder: Eine Möglichkeit wären weitere Infusionen, das Medikament soll in anderen Fällen schon geholfen haben, mögen Sie es versuchen?
Solche Aussagen sind heutzutage keine Seltenheit mehr. Als Nichtwissender stehen Sie im Regen – im Hemd und ohne Schirm.
Hier ein Beispiel aus meiner aktuellen Sprechstunde
Das krasseste Beispiel aus meiner aktuellen Sprechstunde betrifft einen schwer krebskranken Patienten, dessen behandelnder Klinikarzt die weiteren Möglichkeiten der Therapie kürzlich so beschrieb: Wir könnten Ihnen eine Chemotherapie anbieten.
Klingt nach Kulanz im Reisebüro oder in einer Autowerkstatt und klingt, je nach Antenne (oder Sender), entweder hoffnungslos und überfordert oder unglaublich blasiert. Aber – und jetzt das große ABER, so ist richtig nach den Maßstäben der modernen Medizin. Die Therapie, die sich nicht als sicher hilfreich erwiesen hat, soll auch entsprechend vage angeboten werden. Das hilft Ihnen als Patienten aber nicht weiter, wenn Sie, wie in diesem Fall, den Tod vor Augen haben.
In solch einem Fall können Sie sich im Internet, bei Freunden, in Büchern informieren wie Sie wollen, das nützt Ihnen alles nichts. Hier brauchen Sie das Gespräch mit einem Arzt, den Sie kennen, der Sie kennt, Ihnen wohlgesonnen ist und sich im Zweifelsfall für Sie erkundigt. Das könnte Ihr Hausarzt sein.
Jetzt werden Sie einwenden: Der hat doch nie Zeit, schon gar nicht für ein ausführliches Gespräch. Hat er, glauben Sie mir. Vielleicht nicht auf der Stelle, wenn gerade montags vormittags Grippewelle herrscht. Aber das ist auch nicht nötig. Ihr kaputtes Knie, Ihre vorgefallene Bandscheibe, die Sorgen um Ihr Kind, Ihre Krebserkrankung sind doch meistens kein Notfall. Rufen Sie Ihren Arzt an, besser noch, schreiben Sie ihm einen kurzen Brief oder ein Kärtchen und schildern Sie Ihr Problem. Bitten Sie um einen Termin mit ein wenig Zeit. Ich behaupte, es gibt kaum einen Hausarzt in Deutschland, der nicht darauf eingehen würde, vielleicht sogar gerührt wäre.
Hausärzte sind Menschen wie Du und ich (in diesem Fall mehr wie ich), sie sind gehetzt, geforder, gelegentlich überfordert und häufig chaotisch organisiert. Helfen Sie ihm, damit er Ihnen helfen kann.


Juni 21, 2008 














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