Kommentar zur Famulaturserie

Mein Kommentar soll kurz sein. Die kleine Artikelserie von Carolin Koch spricht weitgehend für sich. Ihre Famulatur war, begonnen mit ihrer Initiativbewerbung über diese Website bis zum persönlichen Kontakt, eine erfreuliche Sache.

Carolins wichtigstes Fazit möchte ich noch einmal herausheben:

Allgemeinmedizin und damit Hausarztmedizin muss nicht langweilig sein!

Die unter Studenten und Assistenzärzten verbreitete Ansicht, dass hausärztliche Medizin, zumal in der Kleinstadt oder gar auf dem Land

  • eine öde Sache ist
  • keinen Spaß macht
  • Arbeit rund um die Uhr bedeutet
  • kein freies Wochenende, wenig Urlaub zulässt
  • geringen Verdienst bietet
  • dazu jeder Menge Regressgefahren ausgesetzt ist,

muss so nicht zutreffen.

Schlussfolgerung:

  1. Studenten oder Assistenzärzte sollten sich die Lage in modern geführten Hausarztpraxen selbst ansehen, bevor sie ein Urteil fällen
  2. Hausärzte sollten ihre Praxen auf moderne, wirtschaftliche und lebensfreundliche Füße stellen, wenn sie Nachfolger locken wollen
  3. medizinische Fakultäten an Universitäten und Hochschulen sollten viel mehr mit niedergelassenen Ärzten zusammenarbeiten, wenn der Mangel an Hausärzten wirklich nachhaltig beseitigt werden soll.

Eine Hausarztpraxis auch auf dem Land zeitgemäß zu führen ist möglich und daraus kann resultieren:

  • Spaß an der Arbeit
  • Zusammenarbeit mit ärztlichen Partnern
  • hohe Qualität der Arbeit durch erweiterte Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie, dazu jede Menge „Spontan-Konsile“
  • ausreichende Freizeit bis hin zur Wahl der Arbeitsbelastung (Teilzeitarbeit)
  • Einkommenssicherheit durch moderne und professionelle Führung der Praxis
  • Einkommenssicherheit gerade weil die Niederlassung in möglicherweise unterversorgten Gebieten erfolgt (da wo alle sind, ist die Konkurrenz groß!)

und last but not least (was ich an meinem Job so liebe)

  • Unabhängigkeit von kaufmännischer und medizinischer Fremdbestimmung. Meine Kollegen und ich sind unsere eigenen Chefs.

Selbstverständlich unterliegen auch wir in unserer Praxis ökonomischen und medizinischen Zwängen, aber die können wir mit uns selbst ausmachen, können selbst bestimmen, wo wir uns unter Druck setzen lassen und wo nicht, in welcher Form wir kaufmännisch handeln und wie unsere persönliche Medizin aussieht. So, wie die Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern heutzutage oft sind, möchten weder meine fünf Partner noch ich jemals wieder arbeiten.

Abschließend kann ich Medizinstudenten im klinischen Abschnitt und Assistenzärzten in der Facharztausbildung nur raten: Schaut euch unseren „Laden“ an. Natürlich arbeiten auch wir nicht zu knapp, aber unsere Praxis ist trotzdem anders.

Famulatur beim “anderen Hausarzt” 3

von Carolin Koch

Nach ein paar Tagen habe ich das Gefühl, noch nie so einen guten Eindruck in die menschlichen Probleme, Höhen, Tiefen und Abgründe bekommen zu haben. So eine “kleine” Hausarztpraxis ist wie der Spiegel der Gesellschaft. Hier sitzen Menschen nebeneinander im Wartezimmer, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Die Ärzte müssen sehr flexibel sein, auf jeden eingehen können, jeder braucht eine andere Prise des Feingefühls und alle wollen trotzdem nur eins: Dass man ihnen zuhört. Und dass man Ihnen hilft, damit es besser geht.

Ich bin beeindruckt vom Erfahrungswissen der Ärzte und wie sie es vermögen an einem langen Arbeitstag, zwischen überflüssiger Bürokratie und zahlreichen Patienten, zwischen Privatleben und Stress trotzdem ruhig zu bleiben, fachlich korrekt zu reagieren, Mensch zu sein, da zu sein mit dem, was man leisten kann. Ich hab das Gefühl, das Studium deckt nur so einen winzigen Teil von dem ab, was man in dieser Praxis leisten muss. Fächer wie Sozialkompetenz gibt es eben noch nicht und Erfahrung braucht Zeit, sie kann nicht in einem Zusatzkurs erlernt werden. Zeitweise sitze ich ehrfürchtig auf meinen Stuhl, rutsche unsicher von links nach rechts und versuche annähernd zu überschlagen, wie lange es wohl noch brauchen wird, bis ich mit dieser Sicherheit einem Menschen helfen kann. Denn mit meinem teuren Stethoskop höre ich nur einen Bruchteil der Geräusche, die die erfahrenen Ärzte hören und meine Hände sind immer so kalt, dass die Patienten automatische eine Abwehrspannung am Bauch entwickeln.

An einem Mittwochabend merke ich, dass ich nicht nur in fachlicher Hinsicht ein “Küken” bin, sondern sich auch mein Immunsystem erst mal an das „System Hausarztpraxis” anpassen muss. Mit Fieber und Übelkeit liege ich 4 Tage im Bett, die Grippewelle aus Bad Bevensen hat auch vor mir nicht Halt gemacht. Gott sei Dank bin ich in der folgenden Woche wieder fit und kann weiter famulieren. Jetzt erscheint alles schon ein bisschen vertrauter. Das Computersystem wirkt nicht mehr ganz so undurchschaubar, ab und zu fällt mir auch schon ein, welche Medikamente man bei einer bestimmten Erkrankung gibt. Stolz registriere ich, wenn ich bei der Auskultation der Lunge manchmal von alleine ein Giemen und Brummen höre. Ich fühle mich pudelwohl in der Praxis. Die Ärzte erklären mir total viel und das in einer offenen und netten Atmosphäre. Ich habe das Gefühl, dass es Ihnen sehr am Herzen liegt, mich ein Stück meines Weges zu begleiten und mir etwas für mein späteres Leben mitzugeben. Als ich mich nachmittags umziehe, fällt mein Blick auf Jochen: Er trägt tatsächlich eine alte braune Ledertasche und eine Cordhose. Ich grinse in mich hinein, aber gut, er will schließlich zum Hausbesuch, was sollte man auch sonst mitnehmen?

Weiterlesen

Famulatur beim “anderen Hausarzt” 2

von Carolin Koch

Es ist soweit. Montag früh um halb acht rollt mein Koffer laut über das Pflaster einer kleinen Einkaufsstraße in Bad Bevensen. Nachdem ich mich zweimal verlaufen habe, stehe ich vor dem Praxisschild.

Hausarztzentrum Bad Bevensen

Ich bin total aufgeregt, gehe rein.

“Hallo, ich bin Caroline, die Famulantin”, stelle ich mich vor.

Zehn Minuten später laufe ich schon einer netten Arzthelferin hinterher, die mir total freundlich die ganze Praxis zeigt. Die weiße Kleidung fühlt sich fremd an. Ich habe das Gefühl über keinerlei medizinisches Wissen zu verfügen. Das ist vielleicht erst mal normal. Als wir beim letzten Raum angekommen sind, habe ich schon wieder vergessen, wo der Ausgang ist.

Im Laufe des Tages passiert so viel wie sonst in einer ganzen Uniwoche. Ich lerne den Großteil des Teams kennen, werde freundlich und warmherzig aufgenommen und sehe bereits etliche Patienten. Als ich abends aus der Praxis trete, habe ich das Gefühl, einen ziemlich guten Eindruck von der Arbeit bekommen zu haben. Wahnsinn, wie viele Patienten an einem Tag so eine Praxis durchlaufen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass immer genügend Zeit geblieben ist, wenn es nötig war. Nach Feierabend gehe ich noch gemeinsam mit meiner Gastfamilie zum Schwimmen.

Nach Sport und Abendessen beziehe ich ein wunderbares, gemütliches Zimmer. Ich bin so müde, dass ich kaum noch klar denken kann. Ich liege im Bett und die Eindrücke überrollen mich, Gesprächsfetzen tauchen auf, Bilder von Gesichtern, Händedrücke mit fremden Menschen, Gedanken über Schicksale… da ist so viel, was mich bewegt. Ich habe ein ziemlich gutes Bauchgefühl nach dem Tag, auch wenn er wahnsinnig anstrengend und aufregend war. Meine Heimat Magdeburg verschwimmt in meinen Gedanken, scheint wie aus einer fremden, fernen Welt. Wie lange bin ich schon hier? Während ich mich das frage, falle ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Weiterlesen

Famulatur beim “anderen Hausarzt” 1

von Carolin Koch

Es ist die letzte Woche vor den Semesterferien. Ich stehe mit ein paar Kommilitonen vor dem Hörsaal und wir bereden, was jeder so die nächsten Wochen vor hat. Die meisten wollen erst einmal ihre freie Zeit genießen, verständlich, schließlich sind es die ersten Ferien seit dem Physikum im letzten Jahr.

“Ich mach’ Famulatur in der Chirurgie”, sagt einer.

“Cool”, sage ich, “wo denn?”

“In der Uniklinik München”.

Oh, Gott, denke ich, dass wäre ja was für mich. In einer riesigen Klinik, inmitten einer Schafherde von anderen Famulanten, PJ-lern, überarbeiteten Ärzten und Pflegepersonal.

“Und du? Machst du auch Famulatur?”

“Ja“, sage ich, „in Bad Bevensen, in der Allgemeinmedizin.”

“Bad Bärensen, wo liegt das denn?”

“Bad Bevensen”, sage ich vorsichtig korrigierend, “das liegt in der Nähe von Uelzen.”

Uelzen kennt auch niemand. Als ich erzähle, dass man bis Hamburg noch ungefähr eine Stunde mit dem Zug Richtung Norden fährt, haben die meisten wenigstens eine ungefähre Vorstellung.

“Ach her je, das ist ja dann das übelste Kaff, wa? Und warum Allgemeinmedizin? Haste noch nicht gelesen, wir müssen diese Pflichtfamulatur beim Hausarzt noch gar nicht machen. Das betrifft erst den nächsten Jahrgang. Da kannste dir doch was Spannenderes raussuchen.”

Oha, was Spannenderes, denke ich. Da ist es wieder, das große Vorurteil Allgemeinmedizin ist todlangweilig, deshalb will ja auch kein Mensch mehr Hausarzt werden. Dazu in der Praxis ein Haufen alter Leute, die nur meckern, die Ärzte schreiben eh nur Überweisungen und tragen braune, abgewetzte Ledertaschen, wenn sie zu Hausbesuchen fahren. Wenn es ganz schlimm kommt, sogar Cordhosen. Weiterlesen

Grippewelle spült Jungärzte davon

Die z. Zt. über Deutschland hinwegrollende Grippe- und Erkältungswelle ist ein treffendes Beispiel dafür, wie man dafür sorgt, dass Jungärzte weiterhin keine Hausärzte in Deutschland werden wollen – schon gar nicht auf dem Land.

Eine Grippewelle läuft in einer Hausarztpraxis aus honorartechnischer Sicht so ab:

Der Arbeitsaufwand für einen Hausarzt steigt während dieser Phase um etliche Prozentpunkte. Da die meisten Hausärzte, zumal Landärzte, ohnehin schon im normalen Leben Überstunden machen, kommt die Belastung durch eine Infektionswelle noch oben drauf.

Gut, man ist Arzt und weiß, dass es Belastungsspitzen gibt, ob im Notdienst oder im Falle eines Virenangriffs. Ärzte sind es gewohnt in besonderen Situationen besondere Leistung abzurufen. Sie werden ja grundsätzlich auch gut dafür bezahlt.

Stimmt und stimmt nicht.

Es stimmt, dass wir Ärzte gut bezahlt werden. Einverstanden!

Aber es stimmt nicht, dass wir für eine Grippewelle gut bezahlt werden. Für eine Grippewelle werden wir überhaupt nicht bezahlt.

So sieht eine Honorarrechnung für das laufende „Grippe-Quartal“ aus:

Der Durchschnitts-Hausarzt betreut 1.000 Patienten pro Vierteljahr. Dafür erhält er ein Budget für die Grundversorgung von rund 40€. Das ergibt einen Honorarumsatz von 40.000€ pro Quartal. Soweit so einfach.

Die Grundlage dieser Budget-Berechnung stammt allerdings aus dem 1. Quartal 2012. Das Budget ist also grundsätzlich um ein Jahr zu spät dran. Die Grippewelle rollt aber im 1. Quartal 2013. Sie hält sich nicht an Berechnungsstatuten und löst eine Steigerung der Patientenzahlen um, sagen wir, rund 15% aus. Aus 1.000 Patienten pro Quartal werden 1.150 Patienten. 1.150 x 40 = 46.000€ Honorarumsatz. Es werden 6.000€ mehr erarbeitet, aber nicht bezahlt, weil im Budget nicht vorgesehen.

Der findige Leser bemerkt sofort:

Ja, aber im nächsten Jahr beträgt das Budget dann 46.000€!

Richtig!

Und was, wenn 2014 keine Grippewelle kommt? (Wäre ja schön, nicht wahr?)

Oder sie kommt bereits im Dezember 2013? Ein Quartal mit dem Normalbudget von 40.000€

Oder erst im April 2014? Ebenfalls ein Quartal mit Normalbudget, das zu einer Erhöhung des Budgets erst im 2. Quartal 2015 führen würde.

Was, wenn die nächste Grippeepidemie ausfällt?

Weiterlesen

Schavans “respektvoller” Rücktritt

Ungefähr 25.000 Doktortitel werden pro Jahr in Deutschland verliehen. Allein die Masse zeigt, dass das Verfahren wenig mit echter wissenschaftlicher Arbeit und der Ermittlung von neuen Erkenntnissen zu tun haben kann. Dies gilt besonders für die Titelvergabe bei den Medizinern, aber offenbar auch in vielen anderen Fakultäten. Unsere Politiker sind lediglich die, die erwischt werden, weil sie im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Was ihr betrügerisches Verhalten nicht schmälert.

Das Thema Titel oder kein Titel finde ich persönlich relativ unwichtig. Der Kampf um Titel hat mich zu keiner Zeit interessiert. Was ich wirklich ärgerlich finde, sind Aussagen wie die von Frau Schavan zum Fall Guttenberg:

„Ich schäme mich nicht nur heimlich“

So lautete ihr Statement zum Betrug des Doppel-Titelträgers (Adel und Doktor). Wenn ihre Dissertation so offensichtlich Betrug war, dass die Uni Düsseldorf sich gezwungen sah zu handeln, wird Frau Schavan auch wissen, was sie damals getan hat. Sich im Wissen um das eigene Fehlverhalten ohne Not so weit aus dem Fenster zu lehnen, ist meines Erachtens das eigentliche Problem. Gut, dass sie angesichts dieser Turnübung Übergewicht bekommen hat und auf dem Pflaster gelandet ist.

Auf ähnlich hohem Ross saß ja unser kurzfristiger Bundespräsident, der ungefragt überall Duftmarken seines hohen moralischen Anspruch hinterließ. Das ist ein ausgesprochen ärgerliches Verhalten unser gewählten Volksvertreter und wir können alle zusammen nur ahnen, was wir nicht wissen.

Die verkannte Weihnachtskatastrophe

Nach New York zu fahren und zu erleben, dass der Marathon, für den man hart trainiert und gespart hat, wegen eines Wirbelsturmes ausfällt, ist ausgesprochen ärgerlich. Für die potentiellen Teilnehmer muss das ein ähnliches Gefühl gewesen sein, wie seinerzeit für die potentiellen Olympioniken im Jahre 1980. Die hatten trainiert, ihr Leben umgestellt und dann marschiert die damalige Sowjetunion in Afghanistan ein. Die Konsequenz: Die westliche Welt boykottiert die Olympischen Spiele in Moskau. Ein hartes Los für alle betroffenen Sportler.

Aber diesen Weihnachten schlug das Schicksal noch härter zu, so könnte man jedenfalls meinen, wenn man dieser Tage die Zeitungen aufschlägt. Dort stehen sie geschrieben, die Berichte von der wahren Katastrophe:

Auf der Weihnachtskreuzfahrt der „Queen Mary 2“ hat der Durchfallvirus zugeschlagen und auf dem Vergnügungsschiff „Emerald Princess“ auch.

Herrje, wie schlimm ist das denn?

Da spart man monatelang, um wirklich einmal im Leben in der Weihnachtszeit so richtig schön zu essen und dann so etwas:

Das Noro-Virus grassiert. Insgesamt 400 Passagiere leiden an Brech-Durchfall.

www.der-andere-hausarzt.de wollte Genaueres wissen und hat sofort Kontakt zu einem der übergewichtigen Passagiere aufgenommen. Das ganze Leid von Herrn X. aus U. zeigt sich schon im ersten Satz:

„Nicht genug damit, dass man auf der Toilette nicht weiß, was man zuerst und zuletzt tun soll, nein, man hat ja auch keinen Appetit.“

www.der-andere-hausarzt.de hakt nach.

„Und was war das Schlimmste für Sie?“

„Das man es immer wieder versucht. Oben in den Sälen stehen die herrlichsten Buffets, die man sich vorstellen kann. Man rennt rauf, sieht die Herrlichkeiten da stehen, freut sich kurz, dann setzt der Würgereiz ein und muss sofort wieder treppab. Du kannst dich ja nicht einfach über die Reling hängen, weil du nicht weiß, was hinten passiert. Die Fahrstühle sind natürlich alle blockiert. Also schnell zu Fuß. Versuchen Sie mal die Treppen hinabzuspringen mit einer Hand vor dem Mund und mit zusammengekniffenen Hinternbacken.“

www.der-andere-hausarzt.de: Sie sind jetzt seit zwei Tagen zurück und wieder gesund. Wie sieht die Welt jetzt für Sie aus?

„Ich stehe vor den Trümmern des Jahres 2012. Stellen Sie sich mal vor, ich buche die Kreuzfahrt, um wirklich einmal die Beine hochzulegen und nichts zu tun. Ich wollte mich nur bewegen, um das Buffet zu umrunden. Und was passiert? Ich renne auf dem Kahn hin und her, verbringe die meiste Zeit auf der Toilette und nehme auf einer Kreuzfahrt, auf einer Weihnachtskreuzfahrt, sechs Kilo ab. Das ist doch Wahnsinn oder?“

Herr X aus U schüttelt verzweifelt den Kopf, Tränen laufen ihm über das Doppelkinn.

Aber er ist noch nicht fertig. Er redet sich jetzt in Rage und www.der-andere-hausarzt.de ist froh, dass das Diktiergerät läuft, um keine der wertvollen Aussagen zu verpassen.

„Wissen Sie, was mich besonders ärgert an diesem Desaster? Jedes Jahr um diese Zeit wieder und wieder diese Geschichte vom ärmlichen Kind in der Krippe. Rauf und runter muss man sich das anhören, dass es kein Bett gibt, da unten in Bethlehem, außerdem nichts zu essen, keine anständige Kleidung und dieser ganze Mist. Aber wir Diarrhoeiker auf den Schiffen, wir haben richtig Kohle ausgegeben für Kabinen mit Kingsize-Betten, Essen und Trinken all-inklusive. Außerdem habe ich mir extra Shorts für die Karibik in Übergröße schneidern lassen, und dann wird man so krank. Das Geld ist futsch und kein Mensch interessiert sich dafür. Das ist bitter, ganz bitter. Schreiben Sie das ruhig.“

Solche Schicksale gibt es in diesen Tagen nun viele hundert Mal und in den Tageszeitungen stehen nicht mehr als ein paar dürre Zeilen auf der zweiten oder dritten Seite. Es ist, als wollte man diese Leute verspotten. Nicht zu fassen. Gut, dass es Blogger gibt.

 

Hier noch ein Fachbuchtipp zum Thema:

Lesen Sie das Kreuzfahrt-Tagebuch vom begnadeten US-Schriftsteller David Foster Wallace:

„Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“.

Neues Jahr, neues Glück, neuer Denkstoff

Ab dem 1.1.13 gibt es jede Menge Ausnahmeregeln, die ihrerseits viele Seiten neuer Bestimmungen umfassen. Der Leser möge mir die Einzelheiten ersparen, erstens habe ich sie selbst noch nicht begriffen, zweitens würde man nicht glauben, dass Menschen sich so etwas ausdenken können.

Für Patienten, Physiotherapeuten und Ärzte ist am Ende folgende Erkenntnis wichtig:

Das Ausstellen einer Heilmittelverordnung ist nicht länger eine Sache, die nebenbei erledigt werden kann. Den ausstellenden Ärzten müssen einige Tage Zeit gewährt werden, weil das Ausfüllen, Nachprüfen und Kodieren inzwischen ähnlich viel bürokratischen Einsatz beansprucht, wie beispielsweise das Stellen eines Kurantrages. Allerdings sind die Bestimmungen für die Antragstellung einer REHA-Maßnahme übersichtlicher und einfacher zu begreifen. Das heißt nicht, dass dieses Kapitel simpel wäre, immerhin gibt es dafür Wochenendkurse.

Das Thema Heilmittelverordnung ist  inzwischen so hochkomplex, dass wir in unserer Praxis beschlossen haben, dass unsere Patienten uns drei bis vier Tage Zeit lassen müssen, bevor beispielsweise ein bestelltes Wiederholungsrezept zur Abholung bereit liegen kann. Das ist kein einfacher Knopfdruck mehr und dann ab in den Drucker mit dem Formular, nein. Da gilt es Kodierrichtlinien einzuhalten und ICD-Verschlüsselungen zu prüfen, Therapieaufgaben und Therapieziele zu formulieren, zeitliche Abläufe und Behandlungsfrequenz zu koordinieren, Ansprüche zu kontrollieren, Ausnahmen abzuklären und anderes mehr.

Erst wenn alles richtig ist, ist eine Verordnung auszustellen oder abzulehnen oder gesondert zu beantragen oder darauf zu verweisen, wann wieder ein Anspruch auf Verordnung besteht.

Übrigens, das Ganze hat mit medizinischer Notwendigkeit nur gelegentlich etwas zu tun und Logik vermisst man vollständig. Also liebe Patienten, kommen Sie mir nicht mit:

„Aber das brauche ich doch, um wieder gesund zu werden!“

So haben wir nicht gewettet. Wo kommen wir denn da hin, wenn es allein darum ginge.

Beinahe das falsche Gelenk operiert!

Mir ist klar, dass die Patienten, die in der Folge der Visite-Sendung teils von weit her gereist sind, um sich von mir beraten zu lassen, eine Art negative Auswahl sind. Es melden sich ja vor allem diejenigen, die verzweifelt sind und bereits eine gewisse Leidensgeschichte hinter sich haben. Trotzdem muss das, was gelegentlich in der alltäglichen Medizin passiert und was mir mit den „Visite-Patienten“ begegnet ist als erschütternd bezeichnet werden.

Hier das versprochene Extrem-Beispiel:

Ein etwa fünfzigjähriger Mann stellt sich mir vor. Er ist in Bedrängnis. Am übernächsten Tag soll seine Schulter operiert werden. Er selbst hegt Zweifel, ob dieser Weg der richtige ist, aber seine zunehmenden Beschwerden und seine abnehmende Lebensqualität lassen ihn inzwischen nach jedem Strohhalm greifen.

Seine Nachbarin hat die entsprechende Visite-Sendung auf N3 gesehen und auf den Link im Internet zu www.der-andere-hausarzt.de verwiesen.

Nach Terminvereinbarung per Mail-Kontakt und über hundert Kilometer Anreise sitzt der Mann vor mir.

Nennen wir ihn H. Er wirkt gehetzt. H. hat kaum Zeit mich zu begrüßen. Hektisch kramt er seine Röntgen-Bildersammlung aus der Tasche. Zwei CDs mit MRT-Aufnahmen der betroffenen Schulter folgen. Meine Aufforderung, er solle doch erstmal in Ruhe erzählen, was überhaupt los ist, bringt ihn aus dem Tritt. H. stottert.

„Aber Herr H., Sie sind doch nicht über hundert Kilometer gefahren, haben jede Menge Bilder mitgebracht, aber ihre Zeit vergessen. Er grinst. Er bemerkt das Paradoxe an der Situation. Der Arzt bittet den Patienten um Zeit.

Das stimmt so natürlich nicht, denn als Arzt spare ich viel Zeit, wenn die Patienten sich beruhigen und geordnet von ihren Beschwerden berichten. Ich kann dann immer noch eingreifen, wenn die Geschichte zu lang wird oder abschweift. Aber Herr H. hat verstanden und erzählt in kurzen, präzisen Sätzen von Anfang an.

Zunächst nicke ich nur, aber es ist klar, dass da etwas nicht stimmt.

Als nächstes bitte ich den Patienten, den Oberkörper freizumachen. Ich bin der vierte Arzt, den er mit seinem Schulterproblem aufsucht, aber der erste, der ihn bittet sich auszuziehen. Einer der drei Vorbehandler hat ihn mal in voller Kleidung (mit Jacke) untersucht, die anderen beiden gar nicht.

Es geht um die rechte Schulter. Das heißt, dass es nicht darum geht, ist schon im Gespräch deutlich geworden, aber davon sage ich noch nichts. Ich untersuche beide Schultern, danach orientierend die Wirbelsäule und die Nackenpartie. Ich bitte Herrn H. auch die Hose und die Socken auszuziehen. Danach untersuche ich den Beckenstand, bewege im Liegen die Hüftgelenke durch und sehe mir die Fußsohlen an.

Als ich Herrn H. bitte, sich wieder anzukleiden, sind acht Minuten vergangen. Meines Erachtens nicht viel Zeit für die Ermittlung einer Krankengeschichte und eine orientierende Untersuchung.

Während Herr H. sich anzieht, er schlupft übrigens mühelos in seine Hemdsärmel, notiere ich seine Angaben zur Krankheitsgeschichte und die von mir erhobenen Befunde.

Da ich einen Moment schweige, fragt Herr H.:

„Soll ich mich nun übermorgen operieren lassen?“

Weiterlesen

Erfahrungen nach “Visite”

Eine Zusammenfassung

Meine Erfahrungen mit neuen Patienten nach der Sendung Visite waren vielfältig und sind noch nicht abgeschlossen. Noch immer kommen Patienten und wollen Rat und Hilfe, noch immer beziehen sie sich auf den 5-Minuten-Clip im Fernsehen.

Ganz ehrlich, manchmal fühlt man sich als einfacher Hausarzt ein wenig seltsam: Patienten nehmen teilweise eine weite Anreise auf sich, nachdem sie zuvor bereits von mehreren Ärzten, teils von Koryphäen vorbehandelt wurden. In vielen Fällen sollten diese vorbehandelnden Kollegen mir von der Art und Weise ihrer Aus- und Weiterbildung hoch überlegen sein. Das wäre logisch, denn ich bin Allgemeinmediziner und die Vorbehandler waren und sind nicht nur Hausarztkollegen, sondern häufig Orthopäden und Chirurgen, manchmal mehrere und in manchen Fällen arbeiten sie sogar in Unikliniken.

Im Prinzip haben die Fälle, die auf Grund der N3-Sendung zu mir in die Praxis gekommen sind und noch immer kommen, immer die gleiche Geschichte der ärztlichen Vorbehandlung:

Die Patienten sind verzweifelt, weil ihr Leiden nicht gebessert oder gar heilt wird.

Der Gründe dafür sind in aller Regel Fehldiagnosen und/oder Fehltherapien mit der immer gleichen Ursache:

  • mangelhafte bis fehlende Anamnese (Anhören der Leidensgeschichte)
  • mangelhafte bis fehlende Untersuchung des Patienten
  • mangelhaftes bis fehlendes Interesse am Zustand des Patienten
  • geradezu sklavische Abhängigkeit von technischen Untersuchungen
  • eingeschränkter Blick auf die eigene Therapiemethoden, manchmal gepaart mit allzu offensichtlichen
  • Streben nach Nebeneinkommen

Meine „besondere“ Qualifikation besteht also darin, dass ich den Patienten zuhören kann, sie untersuche und mich für Ihre Leidensgeschichte interessiere.

Man könnte herausschreien: DAS DARF NICHT WAHR SEIN!

Moderne Untersuchungsmethoden sind hilfreich, sehr hilfreich sogar, aber niemals, ich betone, niemals sollten sie als einzige Untersuchungsmethode genutzt werden. Niemals kann beispielsweise ein MRT das Gespräch mit dem Patienten ersetzen. Die Patienten sind diejenigen, die oftmals ihren Ärzten die Diagnose verraten, ohne dass sie es wissen. Man muss sie nur erzählen lassen, sich die Beschwerden und ihre Entstehungsgeschichte anhören.

Als Abschluss der Visite-Episode folgt am nächsten Montag auf www.der-andere-hausarzt.de die Schilderung eines besonders haarsträubenden Falles, der exemplarisch für die genannten Kritikpunkte steht.